Einstieg in die Weltanschauung

Begriff: Die Weltanschauung führt zum Weltbild und umgekehrt prägt dann kulturell das Weltbild die Weltanschauung. Zum Beispiel die Wahrnehmung als war-nehmen, dass die Erde in Form einer rotierenden Kugel um die Sonne kreist.

Was sagen sie?

Sie reden über ihr Leben.

Gelebt zu haben ist nicht genug für sie?

Sie müssen darüber reden.

Tot zu sein ist nicht genug für sie?

Es genügt keineswegs.


Von Samuel Beckett in Warten auf Godot
Das Schauspiel des Iren wird am 5.1.1953 in Paris
am Théâtre de Babylone uraufgeführt

Die Gedanken sind frei ...

Zum guten Ton gehört, möglichst keine Gewissens- und Glaubensfragen zu stellen. Wir existieren eben - ja und? Leben und sterben - was soll's - es geht uns ja gut. Doch nur schon die Frage, was eigentlich ein solcher unbestritten freier Gedanke überhaupt ist, würde vermutlich oft die Erklärungsmöglichkeiten jener, die davon ausgehen, übersteigen [Was sind Gedanken?].

Andererseits sind viele Menschen mit unausweichlichen Sachverhalten und Umständen konfrontiert, die das Wissen und Denkvermögen einer Einzelperson überfordern. Trotzdem hat das Nachdenken über Zusammenhänge in weitestem Sinne etwas anrüchiges, ja fast unmoralisches.

Denken kostet nichts - als viel Zeit - und wer hat schon Zeit für etwas Unwertes in einer Zeit der Wertvermehrung. Als geistig gesund gilt vor allem, wer durch reibungsloses Funktionieren in den vorhandenen Strukturen zu Geld kommt, was unabhängig der Menge als persönlicher Erfolg verstanden wird, der wiederum verpflichtet.

Die Abweichungen von einem demokratischen Idealzustand bilden die geistigen Inhalte, was zum unerschütterlichen Glauben führt, es komme, was auch kommen mag, schon richtig. Bis ins hohe Alter von hundert und mehr Jahren darf mit wachem Geist am täglichen Geschehen teilgehabt werden, gegen Bezahlung selbstverständlich.

Alle mögen vom Glauben halten, was sie wollen, wenn man aber davon ausgeht, die Gedanken seien frei, müsste auch gedacht werden und das Wissen in Form einer Vorstellung vorhanden sein, was Gedanken sind. Mit Blick auf die kulturellen Überlagerungen der europäischen Bevökerungen halte ich die aktuelle, als "geistig" benannte gedankliche Verfassung dieser Kultur schlicht für lebensgefährlich und ich will darum aufzuzeigen versuchen, dass durchaus gedacht werden kann und darf, ohne unausweichlich in einer psychiatrischen Klinik zu enden [geistig? ... weiterlesen ... Was ist Geist?].

Das Weltverständnis, in das ein Mensch hineingeboren wird, besteht in all den Selbstverständlichkeiten, die ihn ein Leben lang begleiten. So einfach und allgemein eine solche Feststellung erscheint, im Zusammenhang ist das sich bewusst werden wichtig, dass sie gemacht wird im Sinne eines Einbezuges des Unbekannten.

Die kulturellen Rahmenbedingungen sind für die einzelnen Generationen vorbestehend und nahezu unveränderlich, erwähnt seien hier vor allem die genetisch und sozial gemischten wie Dominanz, Inzesttabu und Hygiene. Je mehr aber von diesen Zusammenhängen bewusst verfügbar ist, desto besser wird sich die Person zurecht finden. Vor allem Form und Stil in Mode und Kunst tragen als Kopierfunktionen die Manipulation in sich, wenn sie unbewusst verwendet werden. Das gilt selbst für die einfache Ausdrucksweise im täglichen Leben. So braucht jemand während einer einfachen Kopfrechnung ja nicht zu wissen, dass diese Art zu rechnen als Bestandteil einer umfassenden Folgerichtigkeit erfunden wurde, oder besser, gefunden worden ist, nachdem vorgängig andernorts, im vorderen Orient, nach dem neolithische Revolution genannten Übergang zum sesshaften Ackerbau die Grundlagen dazu geschaffen waren.

Das Nichtwissen darf aber auch nicht dazu führen, Teile des Zusammenhanges nochmals erfinden zu wollen, als wären sie neu. Im Gegenteil, wichtig ist das sich bewusst machen [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit der Metapher Bewusstsein], dass dieses Denksystem, das vor Ort [Europa deutschsprachig] heute selbstverständlich ist, einen schwerwiegenden Mangel aufweist: Eine Division durch Null ist nicht möglich. Das Nichts und dadurch der Anfang ist nicht definierbar, sondern muss mehr oder weniger willkürlich vorgegeben sein. Ich vertrete hier die These, wonach das Nichts eine Spiegelung von Alles sein könnte in Form einer Gleichzeitigkeit.

Klar scheint jedoch zu sein, dass zuerst ein grundsätzliches Wissen über die verschiedenen Dinge vorhanden sein muss. Das gilt auch für die Weltanschauung in dem Sinne, dass es sich dabei um ein bezauberndes Zusammenwirken von drei eigenständigen Ebenen handelt: Gefühl, Glauben und Denken.

Von selbst versteht sich, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Weltanschauung und Weltbild auch sehr direkt mit Seelsorge und Religion zu tun haben wird. Selbst wenn man nur über solche Gedanken liest, ist dies keineswegs harmlos und bedarf einiger Vorsicht. Auf jeden Fall sollte diese Texte nur lesen, wer sich darüber im Klaren ist, dass ein Denken in Zusammenhängen auch die religiösen Gefühle umfassen wird und Veränderungen in Glauben und Denken zur Folge haben kann.

In dieser Kultur ist es weder unüblich noch hält man es für gefährlich, Texte zu schreiben, die sich mit solchen Dingen beschäftigen. Im Gegenteil, allgemein wird davon ausgegangen, dass Weisheit durch Wissen zunimmt und demzufolge alle Gedankengänge möglichst allen zugänglich gemacht werden sollten. Infolge fehlender Distanz zu sich selbst ist es allerdings fast unmöglich, die eigene Weltanschauung erfassen zu können, und doch laden die Selbstverständlichkeiten ohne entsprechende Aufarbeitung im Zeitgeist dazu ein:

Das herausragende Merkmal im so genannten "Zeitgeist" besteht darin, dass keine Kultur des Denkens vorhanden ist in dem Sinne, dass ein unüberschaubares Gedankengut als Wissen zwar erkannt ist, aber nicht im sich dessen bewusst werden der Menschen erscheint. Obschon als unbestritten gelten kann, dass es Gedanken gibt, kommt das westliche Denken nicht mehr von dem aus einem ursprünglichen Glauben entstandenen religiösen Funktionieren los, und das hat Gründe.

Oder anders formuliert: Seit mehr als hundert Jahren wird das Weltbild der Europäer fast täglich durch Fakten widerlegt und fast keiner glaubt es, weil dies jedem Glauben den Boden unter den Füssen wegziehen würde. Wenn man versucht, auch nur einigermassen Ordnung in die Fülle der Eindrücke zu bringen, mit denen alle ohne Unterbruch durch die Umwelt konfrontiert sind, stellt man sofort ein grosses Durcheinander fest von Meinungen und Tatsachen.

Es scheint so, als ob eine Entwicklung hin zum absoluten Missverständnis ablaufen würde. Das war vermutlich schon immer so und ist zumindest ein Hinweis auf multikulturelle Entwicklungen im Sinne einer Überlagerung von verschiedenen Denkmodellen. Verständnis setzt voraus, dass wenigstens noch die einzelnen Worte als Elemente der Unterscheidung in gleicher Bedeutung verstanden werden könnten. Dass dem bei weitem nicht mehr so ist, kann eindrücklich mit dem Adjektiv natürlich aufgezeigt werden. Was selbstverständlich und normal erscheint, wird allgemein als natürlich empfunden. Kompliziertere Zusammenhänge, deren Verständnis ein erweitertes Wissen voraussetzen, werden oft als unnatürlich bezeichnet im Sinn von anormal, abartig, chemisch, entartet, falsch, gemacht, künstlich, naturwidrig, synthetisch, unecht und viele andere mehr.

Hier kommen Spuren früherer Anschauungen zum Vorschein, die man fast nicht mehr weg bringt, obschon sie meistens offensichtlich unvollständig oder sogar falsch sind. Das kann dazu führen, dass jemand meint, die Elemente der Natur, also etwas chemisches, seien unnatürlich und es auf der anderen Seite als völlig normal betrachtet, wenn der eigene Schlaf mit einem selber eingestellten technischen Gerät unterbrochen wird, damit ein weiterer Tag in einer anonymen, aber öffentlichen Umwelt beginnen kann.

Solch paradoxen Zusammenhängen soll in der Folge ebenfalls nachgegangen werden unter Einbezug des auf das keltische Druidentum zurückgehenden dreieinigen Ganzen, der späteren Trinität im Christentum, mit entsprechender Ausarbeitung der dabei entstehenden Unterschiede zum Zeitgeist mit dem Ziel, die wichtigsten Zusammenhänge hervorzuheben oder wieder herzustellen mit einem modernen Weltbild.

Für Schulabgänger früherer Jahrzehnte ist es in diesem Zusammenhang unvermeidlich, sich radikal von jenen früheren Interpretationen zu lösen, die zwischenzeitlich durch gesichertes Wissen aufgehoben oder ersetzt wurden. Es ist noch gar nicht lange her, als beispielsweise Evolution einfach als darwinistische Abstammungslehre missverstanden wurde und in der Aussage gipfelte, der Mensch stamme doch nicht von den Affen ab. Solche ideologisch gefärbten Falschaussagen sogar auf damaliger Universitätsebene haften wie abgestorbene Kletten am gesamten Gedankengut und sie behindern unnötig lange die früher oder später zwingend erfolgende Korrektur. Auf das vorstehende Beispiel bezogen wird heute allgemein davon ausgegangen, dass die Vorfahren der Menschen und die Vorfahren der Menschenaffen gleicher Abstammung sind.

Bei der explosionsartig ansteigenden Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse infolge zunehmender Einzelfunde oder Entdeckungen kommt man nicht darum herum, spätestens alle zehn bis zwanzig Jahre seinen Wissensstand mit aktuellen Publikationen zu vergleichen und abzustimmen. Wenn man einfach auf dem Wissensstand seiner Schulzeit verharrt oder ein möglicherweise schon dreissigjähriges Buch aus dem Gestell holt, wird man weder wissen, was Sache ist, noch kann man verstehen, was in der Umwelt passiert. Von grosser Bedeutung sind die teilweise spektakulären Entdeckungen aus der Erforschung des Menschen selbst. Von der Entwicklung des menschlichen sich bewusst werden und Denkens haben die Wissenschaften einen gut gesicherten Überblick erarbeitet, der leider noch viel zu wenig bekannt ist.

Leider darum, weil sich der Mensch ohne fundierte Kenntnis seiner selbst auf der denkenden sich bewussten Stufe nicht mehr artgerecht verhalten kann. Die Gewissheit, normale Wirklichkeit der Sinnesorgane sei lediglich ein als Menschenwelt entstandener Teil der Realität, führt direkt zur existenziellen Frage der Realität-Wahrnehmung als war-nehmen.

 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
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