Weltbild

Weltbild

Im Neolithikum etwa vor 10000-4000 Jahren führte angeblich eine gedankliche Entwicklung bei den sesshaft gewordenen Ackerbau-Gesellschaften zur Beseelung der Natur durch den Menschen (was später zur Trennung von Körper und Gedanken führte). Seither existieren zwei grundsätzlich unterschiedliche und nicht miteinander vereinbare Betrachtungen, jene mit Beseelung [Dualität] und jene vorher ohne Beseelung [→ Magie, das magische erste Weltbild]. In den Gebieten, wo Ackerbau mit Saat/Ernte nicht zum überleben wichtig wurde, hat auch der Kreis der Jahreszeiten keine dominante Bedeutung der Sonne zur Folge (z.B. Bergwelt, Viehzucht, Jagd, Nomaden). In den Bergen wirken andere Naturgewalten, im Tal unten Sommer und oben am Pass schon winterliches Schneegestöber.

Bewusstsein [sich bewusst sein] - ganzheitlich oder nicht

Je nachdem, ob übernatürlich, übermenschlich oder übersinnlich vorstellbar und denkbar sind oder nicht befindet sich Mensch in einem grundsätzlich anderen Weltbild, im magischen oder im beseelten. Das Grunderlebnis der Weltbilder äussert sich im verschiedenen Verhalten des Gegenstandes. Jede Äusserung bekommt im magischen oder im beseelten Weltbild einen ganz anderen Bezug und Ausdruck; im Magischen bleibt sie immer bildhaft und gegenwärtig, im Beseelten jenseitig und symbolisch.

Der magische Gegenstand ist in seinen Eigenschaften wie die Natur auseinanderstrebend und unsicher. Die Handlung des Menschen ist der Bann als gedankliche Besitzergreifung, welcher Ding und Umwelt auf jene Form festzulegen sucht, die nützlich und erwünscht ist. Der Mensch steht wirkend und erhaltend im Kreise der Dinge von Ursache und Wirkung.

Der beseelte Gegenstand ist fest umrissen, als vermeintlich göttliche Schöpfung ein für alle Mal in seiner Form bestimmt. Die Handlung ist der Zauber. Nicht der Mensch, sondern Dämonen und Götter können verändern mittels Beeinflussung durch Gebet, Gelübde, Opfer.

Mit einer als Dualismus [inkl. Pluralismus] bezeichneten gedanklichen Haltung, das ist vor allem die willkürliche und grundlose Trennung von Materie und Gedanken, kann die Bedeutung der Gegenwart nicht mehr vollumfänglich erfasst, begriffen und verstanden werden, weil dabei die Zeit als 4. Koordinate im Raum zentral wäre. Zum Dualismus zählen die Beseelung (Animismus) [Polytheismus], Religion [Theismus] und Philosophie [Metaphysik]. Surrealismus ist ein anderes Thema, da geht es um den Unterschied von menschlicher Wirklichkeit und Realität. In der heutigen Ethnologie finde der Begriff Animismus kaum noch Verwendung, da es als erwiesen gilt, dass es sich beim Leib-Seele-Dualismus um ein abendländisches Konstrukt handelt, welches nicht auf andere Kulturen übertragbar ist.

Sein oder Nichtsein

Sich von etwas bewusst sein [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit der Metapher Bewusstsein] zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass alles, was es gibt, einen Namen bekommt und einem Gedankengang zugeordnet wird. Dieser Vorgang, der seinen Ursprung hat im Funktionsprinzip der ersten lebenden Urzelle [erkennen, unterscheiden, auswählen], kann als religiöser Impuls bezeichnet werden. Wie gründlich das funktioniert, zeigt sich darin, dass selbst dort, wo Leere ist, etwas sein muss: das Nichts als Gegenteil von Alles. Diese Erkenntnis der sich gegenseitig bedingenden Voraussetzungen, also die Aufhebung des Dualismus, ist auch schon die Kunst, die Welt verstehen zu können.

Aufbauend auf dem angeborenen Instinkt, was als tierische Weltsicht bezeichnet werden kann und noch heute hirntechnisch in jedem Menschen wirkt, entstand ein ursprünglich ganzheitliches [unistisches] Weltbild der Kultur. Dieses Weltbild ist bis zum heutigen Tag vollkommen intakt:

Für den Menschen handelt es sich darum, dem ewig sich wandelnden Gegenstand die gewünschte Form zu geben und ihn darin festzuhalten. Dies geschieht mit der [gedachten] Besitzergreifung in der Gegenwart des Menschen. Durch Erkenntnis und Wissen schaffen wird Unbekanntes in Bekanntes umgewandelt. Diese Welt ist ganzheitlich: Materie, Energie, Gedanken, Psyche, Seele usw. sind Formen innerhalb eines einzigen Gesamten, welches als das vom Menschen sichtbare Ganze [Monismus] wahrgenommen wird [war-nehmend, waren = sehen]. Ohne Dualismus zeigt sich die Welt automatisch dreiteilig, aber ungetrennt dreieinig [trinitär] - Alles und Nichts ergeben Eines im Ganzen.

Zu beachten ist dabei die Grundannahme: Damit ein Mensch überhaupt irgend etwas denken kann, muss zwingend ein erster Vergleich und eine erste Unterscheidung mit etwas stattfinden können. Allein diesem Zweck dient die Annahme einer gedachten Einzigartigkeit [Singularität], welche wahlweise in einer Vorstellung von Ordnung oder vom Chaos bestehen kann. Diese erste Dualität bedingt sich in der Folge gegenseitig. Aus dieser gedachten Singularität resultiert die Folgerichtigkeit [Logik], global schon immer in allen Kulturen: Die Grund-Annahme [Axiom] des menschlichen. Das ordentliche Ganze besteht im alles und im nichts und ist erkennbar im bekannten und im [noch zu erkennenden] unbekannten. Bekannt ist die logische Eins [ICH-SELBST] im Gegensatz zur NULL, [Wer bin ICH?], als ein Resultat der sich gegenseitig bedingenden Polarität von Frau und Mann .

Allerdings, eine Vorstellung vom offenen, ungeordneten Chaos ist dem kompliziert geordneten, geschlossenen Ganzen gegenüber alternativ die einfachste Variante, weil Chaos nicht erfasst werden kann und sich, so gesehen, weiteres Denken insofern erübrigen würde, als dadurch nicht neue menschliche Wirklichkeit aus dem Unbekannten der Realität herausgelöst wird.

weiterlesen ... das angeborene Weltbild und das moderne Weltbild.

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
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