Der Geist fiel nicht vom Himmel

Mit Evolution wird heute der fortschreitende Schöpfungsprozess bezeichnet, wie er von den Menschen beobachtet werden kann: Schicht auf Schicht wird von der Natur mit nachvollziehbarer Gesetzmässigkeit immer wieder Neues hervorgebracht, oder Altes weiter verbessert. Dabei handelt es sich nicht um eine linear ablaufende Zeit im historischen Sinn, sondern um sich ständig wiederholende Momente in der Gegenwart [Zeitbegriff].

Zudem gilt es zu beachten, dass die Naturgesetze die vom Menschen beobachteten Konstanten sind und folglich ein Glaube daran einen Irrtum bedeuten würde. Der Mensch kann lediglich die regelmässigen Grundmuster seiner Natur erkennen, die Natur als solche ist aber nicht so vorbestimmt, determiniert, wie dies für den Menschen den Anschein hat.

Die universale Entwicklung, die identisch ist mit der Geschichte der Welt, ist gleich der Schöpfung im weltanschaulichen Zusammenhang.

Wer hier schon die alte Frage nach dem Schöpfer stellen will, hat noch nicht verstanden, was Evolution bedeutet, weil diese Frage erst an einer ganz anderen Stelle der Entwicklung entstanden ist, auf die ich noch ausführlich eingehen werde. Im Moment genügt die Einsicht, dass Entwicklung stattfindet, ob dies anerkannt wird oder nicht, vermag daran nichts zu ändern.

Im übertragenen Sinn der Trinität befindet sich zeitgleich alles jederzeit [gleichzeitig] in einem Zustand dieser Schöpfungsgeschichte. Ob dies dann später als göttlich oder einfach als natürlich empfunden wird, hat allerdings Konsequenzen für die Folgerichtigkeit der weiteren Gedanken.

Eine der zentralen Aussagen der modernen Wissenschaft ist die Einsicht, dass die Beständigkeit, mit welcher eine Person die Welt erlebt, nur als Folge der kurzen Lebensdauer des einzelnen Menschen entsteht. Alles, was im Universum existiert, ist lediglich das vorläufige Resultat einer zeitlosen Gegenwart.

Nach der chemischen Zeit, das heisst der Entstehung von Elementen der Materie und einer biologischen Phase, der Entstehung von Leben aus dieser Materie, befindet sich die Menschheit jetzt mitten in einer gedanklichen Weiterentwicklung. Es darf jedenfalls als unbestritten gelten, dass die Schöpfung zum Auftreten von gedanklichen Phänomenen beim Menschen geführt hat. Die nächste diesbezüglich wichtige Erkenntnis der Wissenschaft besteht in der Entdeckung, dass die Evolution fortlaufend und in sich geschlossen ist. Es gibt nicht, wie man zuerst annahm, eine kosmische Entwicklung der toten Materie und daneben eine unabhängige biologische Entwicklung von Leben auf der Erde.

Das ideologische Missverständnis einer materialistischen Materie führte vor allem im 19. Jahrhundert mit den Theorien des Dialektischen und des Historischen Materialismus (z.B. Feuerbach, Marx, Engels und Lenin) zu einem bloss noch mechanischen Verständnis der Evolution vor allem auch in Bezug auf die sozialen Entwicklungen. Heute weiss man vielmehr, dass die Beschaffenheit der Materie verbunden mit den Naturgesetzen in den riesigen Zeiträumen zwangsläufig zu lebenden Strukturen führen musste und auch geführt hat. Gleiches zeichnet sich für die Entstehung der gedanklichen [geistigen] Ebene ab, wie sie aufgrund der Hirnforschung nachvollzogen werden kann:

Das menschliche Hirn sei das einzige Organ oder biologische Werkzeug im Menschen, das noch heute aus drei Teilen höchst unterschiedlichen Alters besteht, wobei jeder Teil eine jeweils vollendete Entwicklungsstufe darstellt. Die schon bestehenden Funktionen mussten demnach bei der Weiterentwicklung beibehalten werden, die neuen Fähigkeiten bildeten sich zusätzlich zu den bereits Bewährten.

Der älteste Teil sei der Hirnstamm als Verbindung zum Rückenmark und das Kleinhirn direkt an der Wirbelsäule. Das Entstehungsalter des unteren Hirnstamms wird auf rund 1,5 Milliarden Jahre geschätzt und fällt mit dem Auftauchen der ersten mehrzelligen Lebewesen zusammen. Das darüber liegende Zwischenhirn sei höchstens eine Milliarde Jahre alt. Es enthält heute beim Menschen Zentralnervensystem und die instinktiven, auf die Aussenwelt gerichteten Programme. Die Entwicklung des dritten Teils, der Grosshirnrinde, habe vor etwa 500 Millionen Jahre begonnen und ermöglicht heute ein sich von etwas bewusst werden [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit der Metapher Bewusstsein], individuelles Lernvermögen sowie Wahrnehmung als war-nehmen einer Aussenwelt. Alle drei Stufen sind also entstanden, lange bevor die ersten Menschen auftauchten.

Wichtig ist bei einer die Evolution beobachtenden Betrachtungsweise das ständige sich bewusst machen, dass die heute vorliegenden Resultate nicht absichtlich oder gezielt geschaffen wurden, sondern aufgrund eines vorher bestehenden Zustandes und Anspruchs entstehen mussten. Auch die drei Hirnteile der Menschen sind nicht als Ziel erfunden worden, sondern entstanden als Antwort auf bestehende Herausforderungen, als Werkzeuge der Gattung.

Nun sind solche Werkzeuge der Natur immer auch Abbild dessen, wofür sie geschaffen worden sind. Die Flügel sind also auch Abbild der Luft, Flossen von Wasser, Augen von Licht, Beine von Boden und so weiter. Das menschliche Hirn ist deshalb auch ein Abbild, nämlich von drei verschiedenen Dimensionen:

Der Hirnstamm wie auch das für die Bewegungskoordination zuständige Kleinhirn hat keinerlei psychische Aktivität. Diese erste Entwicklungsstufe verbindet völlig souverän die physikalischen und biologischen Gesetze, mit welchen ein Organismus umgehen können muss. Beim Menschen steuert dieser Hirnteil lebensnotwendige Funktionen wie Temperatur, Wasserhaushalt, Blutdruck, Stoffwechsel, etc. Die kleinste Verletzung an dieser Stelle ist absolut tödlich.

Das Zwischenhirn koordiniert vor allem Sinnesorgane. Zentralnervensystem und Hormonhaushalt ermöglichen Verhaltensmuster einer ganzen Art von Lebewesen. Es enthält ein vererbtes Abbild der Aussenwelt, soweit diese für die betreffende Art von Bedeutung, für die vegetative Geborgenheit notwendig ist. Dieses Bild der Welt ist von Geburt an fest vorgegeben. Reaktion erfolgt auf der Basis von angeborenen Instinkten. Diese Entwicklungsstufe wird beim Menschen erst teilweise vom Grosshirn beherrscht, weil vermutlich der Übergang Tier-Mensch noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Wichtig ist die Tatsache, dass die Sinnesorgane an das Zwischenhirn gebunden sind und auch noch beim Menschen Gefühle und Empfinden auf dieser archaischen Entwicklungsstufe stattfinden, soweit sie noch nicht vom Wissen und Denkvermögen des Grosshirns überlagernd kontrolliert werden.

Das Grosshirn spiegelt eine subjektive, stark vergrösserte Wirklichkeit anhand von wenigen herausgefilterten, aber objektiven Informationen, die vom Zwischenhirn vermittelt werden, in einem aus Milliarden von Nervenzellen bestehenden, leeren Vorstellungsraum. So verfügt die Grosshirnrinde zum Beispiel über ein optisches Zentrum, die Sehnerven führen aber von den Augen zuerst zum (alten) primären Sehzentrum im Zwischenhirn, wo entschieden wird, was Menschen wie sehen und was nicht: Die vom Menschen als Licht wahrgenommenen Wellen mit einer Länge zwischen 500 und 700 Millionstel Millimetern aus dem elektromagnetischen Spektrum, das von Wellen mit einer Länge von mehreren Kilometern bis nur noch Billionstel Millimetern reicht, werden als die Komplementärfarben Grün und Rot vom Grosshirn im Vorstellungsvermögen wie auf eine riesige Leinwand vergrössert und geben das kontrastierte Bild einer Welt, die es in dieser Form aber zweifellos nicht gibt.

Weil eine der Hauptaufgaben der Sinnesorgane ja darin besteht, alle Reize zu unterdrücken, die als Realität ständig präsent sind [Transzendenz], sind Rückschlüsse auf reales über die sinnliche Wahrnehmung, das ist die Wirklichkeit, selten möglich.

Die drei übereinander liegenden Abschnitte, in die sich das menschliche Gehirn nach Alter und funktionellen Eigenheiten einteilen lässt, sind zusammen das, was den Menschen ausmacht: Ein hochentwickeltes Zentrum, das die physikalischen Aspekte von Materie, Leben und Gedanken miteinander verbindet. Menschen sind aber keineswegs einzigartig. Bei den weniger weit entwickelten Ausdrucksformen der Natur hat nur die Spezialisierung und Anpassung andere Wege gefunden.

Neben den naturwissenschaftlich fassbaren Funktionen beinhaltet der Umkehrschluss der abbildenden Anpassung auch eine Folgerung von grosser Tragweite: So wie Flügel Luft, Augen Licht und Beine Boden voraussetzen, müssen für das denkende Hirn, genauer für den leeren Vorstellungsraum in der Grosshirnrinde, Gedanken vorhanden sein. Auch wenn bekannt ist, dass die Grosshirnrinde ursprünglich nicht zum Denken entstanden ist, beweist die Fähigkeit, mit Gedanken umzugehen, die Folgerichtigkeit der Aussage: Ohne vorbestehende Gedanken gäbe es kein Denken. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass der Gedanke auch eine vorhandene physikalische Realität sein muss, die bis heute durch alle Maschen der wissenschaftlichen Erkenntnis gefallen ist. Mit dem Quanten-Bit der Information zeichnet sich aber in der exakten Physik ein Paradigma-Wechsel ab [weiterlesen ... das geistige Betriebs-System].

Die Tatsache, dass sich Kosmos, Biologie als Leben und Denken im Menschen in dieser Reihenfolge bemerkbar gemacht haben, verleitet an sich zum Trugschluss, wonach eines aus dem anderen entstanden sein könnte. Als ob nicht schon die Erlebniswelt der Menschen äusserst gedankenreich, lebendig und materiell wäre.

Die feste Vorstellung der Menschen von Ursache und Wirkung versagte selbstredend dort, wo Information bezüglich der Wirkung mit jeweils unbekannten Ursachen vermischt oder verwechselt wurde. Vor diesem Hintergrund können insbesondere auch die neueren philosophischen, religiösen und psychologischen Weiterentwicklungen kritisch betrachtet werden, weil im universitären Bereich spätestens seit dem 18. Jahrhundert ein Zustand herrscht, den man ohne Übertreibung als geisteswissenschaftliche Anarchie bezeichnen kann, weil wider besseres Wissen an früheren Glaubensinhalten festgehalten werden musste, wenn nicht das ganze Denksystem in sich zerfallen sollte. In gleichem Umfang, wie die Naturwissenschaft fachlich und vor allem mathematisch für den Laien immer unverständlicher war, wurde der Horizont für die Fragen nach dem fiktiven "Warum" immer enger, so dass schliesslich einer der bekanntesten Philosophen des letzten Jahrhunderts und Zeitgenosse von Albert Einstein, Ludwig Wittgenstein, erklärte: "Alle Philosophie ist Sprachkritik . . . ihr Zweck ist die logische Klärung von Gedanken." Die Frage lautet also, warum damals auch die zeitgenössische Philosophie nebst vielen anderen Gelehrten die naturwissenschaftliche Relativitätslehre nicht verstehen konnte oder wollte, von der späteren Erweiterung durch die Unschärferelation der Quantenmechanik ganz zu schweigen. Auf diese Begriffe werde ich später noch erklärend eingehen. Hier genügt die Einsicht, dass viele Menschen mit diesen fundamentalen Zusammenhängen noch heute, 2011, überhaupt nichts anfangen können.

Des Menschen Art zu Denken als Ganzes betrachtet wird bestimmt von erkennen, unterscheiden und auswählen. Vergleich, Gegensatz und Zusammensetzen; interessant ist das entweder-oder. Diese Denkweise ist sehr direkt und leistungsfähig, sie funktioniert ähnlich einer Programmiersprache in der elektronischen Datenverarbeitung, die ebenfalls nur zweier Elemente für einen folgerichtigen Schluss bedarf; Ja/Nein, Wenn/Dann, auf Maschinenebene 0 und 1. Der ganze Denkprozess der Menschen ist allerdings ein wesentlich komplizierterer chemisch-elektrischer Vorgang und kann noch nicht mit Programmen gleichgesetzt werden. Auf der anderen Seite kann ein Denksystem ebenfalls nur mit intakten Kontrollstrukturen funktionieren, das heisst, richtig und falsch [das ist nicht gleich wahr/unwahr] müssen klar vorgegeben werden, sonst fehlen die Gegensätze und Vergleichsmöglichkeiten. Wenn die Erkennungsmerkmale durch jahrhundertelanges Relativieren des Singulars mittels Paradox oder Paradigma so weit abgeschliffen werden, dass schliesslich keine Vergleiche mehr möglich sind, obschon die Vielfalt durchaus vorhanden ist, hängt sich ein Denksystem selber auf und stürzt ab wie ein Mikroprozessor bei der unkontrollierten Division durch Null.

Konstanten als absolute Grundbegriffe gibt es nur wenige. Sie sind jedoch als elementare Werkzeuge des Denkens unentbehrlich. Dazu gehören nach bisheriger Meinung die Vorstellung von Ursache und Wirkung, von Raum und Zeit, von Richtung und Ziel, vom Zahlensystem, vom Wesen und Stoff der Dinge und vom Sein. Diese fundamentale Ordnung wird als Anforderungsprofil an ein Weltbild bezeichnet, wodurch auch gleich die Frage beantwortet ist, wieweit es notwendig oder sinnvoll sei, weltanschauliche Zusammenhänge zu thematisieren: Es fehlt die Vorstellung der Position im Zeitraum wie auch jene von der Geschwindigkeit der Raumzeit. Beides wirkt fundamental auf die übrigen Konstanten.

Das traditionelle westliche oder abendländische Denken ist geprägt von einem vorrangigen und untergründigem Glauben. Nicht nur vom bestehenden Weltbild her können Menschen aber gar nicht anders, als zuerst das zu denken, was sie glauben und erst in einem zweiten Schritt auch das zu glauben, was sie denken: "Erkennen, unterscheiden und auswählen" hatten bereits für die ersten lebenden Urzellen als Abgrenzung, Durchlässigkeit und Stoffwechsel prinzipielle Gültigkeit und müssen daher als angeborene Denkkategorien bezeichnet werden.

Wichtig ist ein sich dessen bewusst sein, dass schon auf der Zwischenhirnstufe ein [dreieiniger] Wahrnehmung-Prozess verankert ist, der im Menschen als unbewusster Glaube wirkt und dem direkten Zugriff der Generationen entzogen ist, weil er sich nur mit der Gattung selbst im Laufe hunderttausender von Jahren anpassen kann. Diese früheste gedankliche Grundkonstitution wird heute meistens mit emotionaler Betroffenheit verwechselt, weil vergessen wird, dass niemand einen Zugriff auf das Unterbewusste hat. Sichtbar wird die magische Ebene meist dort, wo sich Menschen gegen allen Verstand und Vernunft vollkommen irrational verhalten.

Allerdings wird auch der magische Anteil des Irren in dieser Kultur als etwas Krankhaftes behandelt und weiterhin unterdrückt, bis dann die eigentliche Ursache, nämlich die aus dem Gleichgewicht gekommenen Rahmenbedingungen, eine meist brutale Neuorientierung erzwingen.

Gesellschaftskritiker bezeichnen diesen Vorgang als den ganz normalen Wahnsinn, wie er täglich abläuft und durch gar nichts beeinflusst werden kann, weil er eben unterbewusst wirkt, solange die magische Ebene nicht zum bewussten Teil des kultivierten Denkens wird. Bitte beachten, diese Zusammenhänge haben nichts mit esoterischer Magie oder Paganismus zu tun.

 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
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