Gerechtigkeit - Freude zum Leben und leben lassen

Viele Menschen haben eine Neigung, die aktuelle Beziehung von Recht zu Unrecht einfach auch mit der Gerechtigkeit zu verbinden, was zum Trugschluss führen kann, man hätte sozusagen ein Anrecht auf Gerechtigkeit unabhängig davon, wie man selber die Ungerechtigkeit zu meiden versuche.

Es ist vielleicht eine der schwierigsten Einsichten für einen Menschen in Anbetracht von stets erlebtem Recht und Unrecht, dass es keine Gerechtigkeit im Sinne des Rechtsempfindens gibt, sondern dass diese für den betreffenden Menschen als Resultat für die richtigen Zusammenhänge der drei Ebenen Kosmos, Biologie und Gedanken entsteht und letztlich der Erfolg einer Pflichterfüllung ist, welcher über die Generationen wirkt, was wiederum mit dem vorherrschenden religiösen Zeitbegriff nicht erfasst werden kann.

Der Gerechtigkeitssinn und die Vermeidung von Ungerechtigkeit sind unabdingbare Voraussetzungen, um in der gedanklichen Ebene konstruktiv mitzuwirken, weil nur dann der erlösende Ausgleich im Denken möglich wird. Die Gerechtigkeit ist demnach eine Funktion der Wiederauferstehung. Da die natürliche Evolution nichts Sinnloses bestehen bleiben lässt, hat mit dem Tod jede Ungerechtigkeit auf Verursacherseite die Sinnlosigkeit erreicht, weil nichts mehr daraus entstehen kann, das Gedankengut des Verstorbenen ist wertlos, im übertragenen Sinn findet keine Seelenwanderung statt, was auch für eine eventuell vorhandene materielle Hinterlassenschaft Dekadenz und längerfristig Auflösung bedeutet.

Die Kinder von Betrügern waren schon immer gut beraten, die Erbschaft der Vorfahren auszuschlagen und die kapitalisierten Zahlungsmittel wieder dem Kreislauf des gewöhnlichen Volkes zukommen zu lassen, von welchem es gestohlen wurde. Wer dies gefangen in einem kurzfristigen Besitzdenken nicht verstehen kann, braucht nur in der Überlieferung nachzusehen, was mit all den auserwählten Dynastien und Reiche, auch den mehrtausendjährig und ewig genannten, geschehen ist.

Im Begriff und Verständnis der Gerechtigkeit ist eine Schlüsselstelle zur Lebenskunst und damit zur Lebensfreude enthalten: Entscheidend ist nicht die Ungerechtigkeit, die miterlebt wird und meist fassungslos zur Kenntnis genommen werden muss, sondern die persönliche Vermeidung von ungerechtem Glauben, Denken und Handeln.

Bezogen auf die Teilnahme am gesamten Zustand muss gar nicht interessieren, wer sich warum ungerecht verhält, es genügt, sich davon zu distanzieren im besseren Wissen, dass die Gerechtigkeit neben dem kleinen Stück absoluter Freiheit in einem gesunden Körper die wertvollen Voraussetzungen bilden, um Höhen und Tiefen eines Werdeganges zu einem einzigartigen Zustand zu formen, der weiterleben wird in der Basis, mit welcher die Nachwelt, nicht gleichzusetzen mit eigenen Kindern, weitergestalten kann.

Das ist allerdings, wie ich bereits beschrieben habe, keine theoretische Sache, sondern entsteht in der Wechselwirkung der Ebenen von selbst, wenn die Bezugspunkte von Kosmos, Biologie und Gedanken korrekt sind. Die Freude am Leben ist ein angeborenes Verhalten, welches auch das Leben lassen beinhaltet, was wiederum nichts mit Toleranz zu tun hat.

Vor Entwicklungen und Vorgängen, welche die Freude am Leben verneinen, ist deutlich zu warnen. Wer zum Beispiel eine gerechtere Welt oder eine menschlichere Umwelt fordert, behindert seine Fähigkeit zur Lebensfreude durch diesen gar nicht erfüllbaren Erwartungsanspruch, weil Gerechtigkeit nur durch die individuelle Vermeidung von Ungerechtigkeit entstehen kann. Darum dürfen abnorme Denkprozesse auch nicht toleriert werden, sonst geht sehr rasch die Orientierung verloren.

Ein Gewissen ist noch kein sich bewusst sein [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit der Metapher Bewusstsein]. Religiöse Motive wie Sünde oder gar Sündenfall und Erbsünde gibt es nicht in der natürlichen Evolution. Jedes Gehirn mit seiner Seele verfügt nur über den Inhalt, der bewusst, also durch einen Vorgang gedanklicher Natur, geschaffen wurde. Gedanken werden nicht vererbt, können aber unbewusst übernommen, geglaubt, werden müssen, wenn das Denken nicht gefördert oder sogar verhindert wird.

Wer sich im herkömmlichen religiösen Sinn versündigt, wird also durch das Leben selbst bestraft, indem sich der Zeitimpuls verschiebt zu Lasten der Zukunft. Heute kann ohne grossen Aufwand beobachtet werden, was jetzt mit den alten Menschen passiert, die während der letzten fünfundvierzig Jahre ihres Lebens nahezu ausschliesslich für ihren persönlichen Erfolg und Besitz gelebt haben. Die medizinische und altersbedingte Fremdbetreuung kostet zunehmend mehr als vorgesehen und wird zu einer spürbaren Belastung für die Volkswirtschaft. Trotzdem kaufen beispielsweise auch über Siebzigjährige noch seelenruhig die neuesten Modelle der multinationalen Automobilkonzerne, selbst wenn sie einen Enkel in ihrer eigenen Familie haben, der an der Umweltzerstörung verzweifelt und sich vielleicht sogar sein Leben nimmt, weil er keine Möglichkeiten sieht, seine Jugend mit seinen Alten auf eine gemeinsame Vernunft zu bringen. Kinderlose Politiker reden heute von der Jugend als dem Kapital ihrer Zukunft in der Gesellschaft.

Für diese Wahnvorstellung der humanitären Solidarität gibt es keine natürliche Grundlage. Was die Jugend dereinst als erwachsene Leistungsträgergeneration für richtig oder falsch befindet, entzieht sich der Gegenwart wie auch dem Einfluss der Erziehung und Gewöhnung. Dass es keine Freude sein wird, in der Einsamkeit eines Altersheimzimmers in Wohlstand, Menschenwürde und Anstand, aber allein, auf das Lebensende zu warten und dabei das Geld wieder loszuwerden, das in einem fremdbestimmten Funktionieren schon die besten Jahre des Lebens gekostet hat, vermag einen Hinweis auf den Stellenwert der Gerechtigkeit zu geben, wie er von den Weltkriegsgenerationen jetzt im Alter auf eine emotional gesehen unmenschlich brutale Art und Weise gelebt werden muss. Hinter sich die Erben, die das noch verbleibende Vermögen dahinschwinden sehen und vor sich einen sinnlosen Tod, da keine Vorstellung mehr davon geblieben ist, wie das damals in jüngeren Jahren mit der Ahnung von einer Seele einmal war.

Die wortwörtlich für Geld verkaufte Zeit, die man ein Leben lang von der Natur geschenkt erhalten hatte, ist unwiderbringlich und endgültig weg. Als alter Mensch kann nur noch eine Moral aus der Geschichte gemacht werden: Was für alles Geld dieser Welt nicht gekauft oder eingetauscht werden kann, sollte auch mit Sorgfalt behütet und vor allem im täglichen Leben und Leben lassen pflegend erhalten und weitergeben werden: Die Befähigung zur Gemeinsamkeit.

Ein gerechter Mensch wird auch als gute Seele bezeichnet, gesellig, geachtet, geliebt - sozial, nicht auf einer immer ungerechten Grundlage von Gesetzesparagraphen, sondern durch das bewusst gelebte angeborene Wesensmerkmal der Kooperation.

Erst durch den Missbrauch der Gemeinsamkeit, indem beispielsweise emsige Arbeiter kooperativ und mit bestem Gewissen Waffen und Munition herstellen, entstehen für abnorme Gedanken in Menschenköpfen die effektiven Möglichkeiten zur Machtausübung. Es war und ist deshalb nie gleichgültig, wie man zu seiner Nahrung kommt, heute, wie man sein Geld verdient.

Kooperation und Solidarität sind stets nur für diejenigen verbindlich, die den entsprechenden, aus Zweck und Ziel bestehenden Schwur (im übertragen Sinne, gegenüber der Seele) geleistet haben. Allein durch die Abstammung entsteht noch keine Verpflichtung, ein als ungerecht empfundenes System mitzutragen.


 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
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