Motivation - Die Lüge als Selbstbetrug

Wer sich selber fragt, also begründen soll, was er gerade tut und vielleicht dazu noch warum so und nicht andersherum, wird merken, wie die selbstverständlichsten Kleinigkeiten plötzlich zu komplexen Netzwerken werden können. Ich will an dieser Stelle niemanden überfordern, sicher ist, dass die bequeme Ausrede der Vereinfachung stets in greifbarer Nähe sein muss, damit eine Orientierung überhaupt möglich ist.

Der Mensch hat eine angeborene Tendenz zum Einfachheitspostulat, das vor allem als Volksmund weitergegeben wird. Auch dazu gibt es den physikalisch-biologischen Hintergrund im Aufnahmevermögen der zum Hirn vermittelten Sinnesreize, die eine zusammenhängende Einheit bis höchstens drei Sekunden gewährleisten. Alles, was man innert drei Sekunden sagen kann, wird von einer anderen Person als Ganzes wahrgenommen. Ob es auch sogleich verstanden wird, ist wieder eine andere Sache. Autodidakten konstruieren darum, um Beeinflussung zu vermeiden, teilweise seitenlange Sätze, die jedem mittelmässigen Rhetoriker die Haare zu Berge stehen lassen.

Der Wunsch, auch komplizierte und mehrfach ineinander verschachtelte Begriffe in Gedankengängen auf eine möglichst einfache Aussage reduziert zu hören, bringt eine Zunahme der Missverständnisse, weil es Gedankengänge gibt, die nicht vereinfacht werden können, ohne aus dem Zusammenhang gerissen zu werden. Da es zweifellos auch altersabhängig ist, wieweit Menschen einen Überblick erfassen können, beschränke ich mich selbst möglichst auf das Wesentlichste.

Lügen haben kurze Beine; ehrlich währt am Längsten, sagt der Volksmund und trifft damit den Nagel auf den Kopf, wenn man sich überlegt, was denn eine bewusste Lüge ist. Weil die Wahrheit laufend entsteht, also stets Ausdruck des aktuellen Zustandes ist unabhängig einer ideellen Zielvorgabe, bedeutet die Lüge eine vorsätzliche Missachtung einer Realität, die schon erlebt wurde.

Nun wissen alle, dass man Fakten und Tatsachen selbst durch Verdrängung und Nichtbeachtung weder verändern noch rückgängig machen kann. Bloss mit den Gedanken auf der gedanklichen Ebene meint man, genau dies tun zu können, als ob es sich dabei lediglich um ein spielerisch zu verstehendes Umgehen mit einem zukünftigen Abfallprodukt handeln würde. Wenn das aber so wäre, brauchte man überhaupt nicht zu denken, dem Spiel genügten Geld, Sex und Drogen in allen Variationen, gewonnen hätte, wer am längsten mitspielen kann.

Unbestreitbar kann und muss der gedanklich gesunde Mensch jedoch denken. In einer als dreidimensional verstandenen Entwicklung, die eine gedachte Ebene voraussetzt, ist auch das subjektive Umdeuten objektiv nicht möglich, ohne dass dadurch die zusammenhängenden Bezugspunkte verlassen werden. Jeder Egoismus, der eine Lüge oder Betrug in Form einer Umdeutung zum persönlichen Vorteil benutzt, liegt ausserhalb der angeborenen Messlatte der Kooperativität und trägt nichts mehr zum Ganzen bei; im übertragenen Sinn der Auferstehung ist die Lüge zwecklos, weil sie nicht weiter führt und dadurch sinnlos wird.

Der Mensch hat tatsächlich die vollkommene Freiheit zur egoistischen Selbstverwirklichung bis hin zum Suizid. Es ist daher lediglich, aber unbedingt, darauf zu achten, dass der angeborene gesunde Egoismus, das kooperative Wesensmerkmal der gleichzeitigen Abgrenzung und Anpassung, in den Gesellschaftstrukturen eingebettet bleibt und so zum wertvollen und zwingend erforderlichen Einzelnen in der Vielfalt des Ganzen werden kann.

Man könnte meinen, überhaupt kein Problem, das sollte wie von selbst funktionieren. Das dem nicht so ist, liegt daran, dass die Natur nicht mit Recht, Lug und Betrug umgehen kann, wie der Mensch durch Politik und Religion zu meinen glaubt, sondern bloss mit Symbiose und Schmarotzertum auf der Basis von Töten um zu Leben.

Alle Lebewesen inklusive Grosshirnrindebesitzer stehen in dieser biologischen Pflicht. Selbst das kleine Stück vollkommener Freiheit begründet zum Beispiel kein Recht auf die Selbsttötung, sondern wäre der vollendete Selbstbetrug einer Lüge, wonach ein Mensch irgendein auf sich selbst bezogenes Recht auf irgendetwas hätte.

Aus der Beobachtung der Natur können nur Pflichten abgeleitet werden. Unter dem Vorbehalt, wer wann mit wem zusammen trifft, beginnt das biologische Leben eines Menschen bereits mit der Pflicht zur Zellteilung nach der Befruchtung, was keineswegs ein Recht auf Leben bedeutet, und steigert sich über weitere Pflichten wie etwa der Atmung nach der Geburt schliesslich bis zur Pflicht, die Selbständigkeit und Unabhängigkeit mit Freiheit und Egoismus in symbiotischen Einklang zu bringen.

Der einzige erkennbare Zweck eines Menschenlebens besteht in der Tatsache, wie jeder lebende Mensch als Verbindung zur toten Vergangenheit und zur ungeborenen Zukunft seinen Anteil bildet am Ziel, das in der Entwicklung durch Veränderung und Erneuerung Formen annimmt.

Der Mensch verkörpert in diesem Sinne, zusammen mit allem Unmenschlichen, auch selber die wahrhaftige Gleichzeitigkeit, wie sie als physikalisch-biologisch-gedanklicher Zustand beschreibbar ist. Was Sinn macht, ist jetzt banal, aber nicht einfach:

Der Sinn des Lebens besteht
in der Pflicht der Gegenwart gleichzeitig
Vergangenheit und Zukunft zu sein

in der Freiheit des Seins als Verantwortung
für Selbständigkeit und Unabhängigkeit
durch unternehmerische Gestaltung

die Wahrheit als Zustand der Gleichzeitigkeit
durch den Tod vom Leben befreit und
als Wiederauferstehung der Seele erlöst

Auf den ersten Blick ist die Ähnlichkeit dieser Beschreibung mit den Resultaten religiöser Betrachtungen überraschend, obschon es sich lediglich um das Produkt von exakten und pseudowissenschaftlichen Ausführungen handelt. Allerdings ist damit eine Befreiung des Denkens und eine Erlösung der Seele verbunden, die selber gedacht werden muss und keine Manipulationen mehr gestattet, da diese jetzt problemlos der jeweiligen Ebene zugeordnet werden können und dort als untergeordnete Elemente erklärbar sind.

Damit lässt sich vor allem erst einmal unbelastet und hellwach, also voll motiviert, durchs Leben gehen, auf der Suche nach dem kurzen Augenblick der Erfüllung, der meist in völliger Unkenntnis der Hintergründe als Glück für immer in Besitz genommen werden möchte, was jedoch zeitlebens ein nutzloses Unterfangen bleiben wird, weil auch der Idealzustand des Glückes nur als Schnittstelle der Zusammenhänge vorhanden ist. Wie schwierig es der Mensch hat, nur schon manchmal in seine Nähe zu kommen, weiss jeder selbst.

Oft wird einfach übersehen, dass die Auslöser vorgegeben sind. So wie unter dem Einfluss von starken Kopf- und Zahnschmerzen keine mathematischen Rätsel gelöst werden können, sind auch alle anderen Gefühle von beispielsweise Durst und Hunger bis hin zu Heimweh und Sehnsucht Bedürfnisse, die zeitgleich befriedigt werden wollen und unterschiedliche Wechselwirkungen haben, die jeder Mensch für sich selbst entdecken muss.

Diesen völlig normalen und selbstverständlichen Lernprozess darf man auf gar keinen Fall personifizieren, weil er dadurch abgebrochen wird und unter Umständen mit einem Glauben an das persönliche Schicksal eine unbehinderte Weiterbildung blockiert.

Jenes fast unerreichbare Glück aus der angeborenen Freude am Leben entsteht erst, wenn die Pflicht des Sinnes durch motiviertes und verantwortungsbewusstes Handeln in der Umwelt erfüllt worden ist.


 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
Egoismus   ««   Inhalt-Verzeichnis   »»   Vernunft