Menschenopfer - das natürliche Todesrisiko

An der Art und Weise, wie eine Gemeinschaft mit dem Tod durch den Alterungsprozess der Generationen zu recht kommt, kann vielleicht direkt die Entwicklungsstufe zwischen optimaler Erneuerung und Dekadenz festgestellt werden.

Auffällig ist der unterschiedliche Umgang mit der Leiche innerhalb einer Kultur. In Europa müssen beispielsweise die Anhänger von monotheistischen Religionen unter Umständen jeden Leichnam ihrer Verstorbenen auf alle Ewigkeit zur Ruhe betten, während die anderen ihre Gräber nach vielleicht 25 Jahren wieder aufheben und den wertvollen Platz in der Erde freigeben, sofern nicht schon bei der Bestattungsform die Einäscherung gewählt wurde.

Für einen toten Organismus ist der Vorgang ohne jede Bedeutung, wie er zersetzt wird. In der Tierwelt erfolgt der Abbau gewöhnlich mehrstufig; zuerst durch Nahrungsaufnahme der Fleisch- und Aasfresser und dann biologisch durch Mikroorganismen. Der Mensch hat sich dahingehend entwickelt, dass er einen Unterschied machte zwischen verwesendem Kadaver, frisch erlegtem und zuletzt ausgeblutetem Schlachtfleisch, bis er mittlerweile für eine gesunde Ernährung gar kein Fleisch mehr essen muss, sondern auch vegetarisch leben kann.

Die fachgerechte Zubereitung eines Fleischstückes durch den Menschen zur Mahlzeit ändert aber nichts daran, dass es sich dabei noch immer um einen Leichenteil aus der Tierwelt handelt, der bei entsprechender Betrachtungsweise statt gegessen auch feierlich bestattet werden könnte. Alle Vorstufen sind noch latent vorhanden, beispielsweise Leichenfledderei, Kannibalismus und Vampirgeschichten, alles in ungezählten Ausdrucksformen vorhanden. Da es willkürlich ist, irgendwo eine über die Gesundheit hinausgehende Abgrenzung zwischen essbaren und verbotenen Proteinen und Kohlehydraten, also Nahrung generell zu machen, verschiebt sich auch das sich von etwas bewusst sein [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit der Metapher Bewusstsein] bei entsprechender Weltanschauung.

Noch heute kann man von grenzenlos verliebten Menschen das Eingeständnis hören, sie hätten sich zum Fressen gern und würden sich am Liebsten mit Haut und Haaren aufessen. Diese Vorstellung löst keinen Brechreiz aus, wie man von einem kultivierten Feinschmecker erwarten könnte, sondern bestätigt ein sich dermassen gut zu mögen, dass der Partner sogar gegessen würde. Tatsächlich führt in der Tierwelt das geschlechtsneutrale gern haben von nicht direkt verwandten Lebewesen unter Umständen zum Tod durch gefressen werden, sofern beim Zusammentreffen die entsprechenden Instinkte aktiviert werden.

So makaber die Nähe der vorzeitlichen menschlichen Liebe zur tierischen Nahrungsbeschaffung erscheinen mag, es kann unschwer festgestellt werden, dass die allermeisten Beziehungen zwischen fremden Menschen, die sich angeblich gern haben, letztlich zum Vorteil eines der Betroffenen führen, es ist nur nicht der sofortige Tod, sondern eine dauerhafte Gratwanderung zwischen Geben und Nehmen, ein kooperatives Verhalten von sich fremden Angehörigen der gleichen Art.

In der Redensart sind weitere Zusammenhänge ersichtlich: über die Klinge springen lassen; durchs Feuer gehen; ausgesaugt werden bis aufs Blut - alles Bilder, die noch wirken, ohne sichtbar zu sein und die ursprünglich direkt mit einem Opfertod verbunden waren. Nun essen Primaten allgemein keine Artgenossen, gleichwohl tötet der Mensch aus besonderen Umständen heraus selbst ihm nahe stehende Mitmenschen.

Diese Tötung über die Notwehr hinaus ist nicht ursprünglich angeboren, sondern hat sich als Möglichkeit entwickelt, das eigene Leben für sich selbst zu opfern und ist auf das bereits beschriebene kleine Stück vermeintlicher Freiheit zurück zuführen. Dieser Zusammenhang ermöglicht zum Beispiel die Entscheidung: "Nur über meine Leiche" als endgültige Form der Selbstbestimmung.

Bis auf den heutigen Tag erleben die wenigsten Menschen einen so genannt natürlichen Tod durch Erreichen einer Altersgrenze oder dann meist mittels lebensverlängernden Massnahmen seitens der Medizin. Bei genauerem Hinsehen sterben fast alle Menschen in allen Kulturen einen Opfertod, allerdings mehrheitlich unbewusst auf leichtfertige oder fahrlässige Art und Weise, aber doch in letzter Konsequenz freiwillig als Folge ihrer eigenen Handlungen oder Verhaltensweisen.

So ist es etwa absolut freiwillig, ein Motorfahrzeug zu besteigen und in der Folge den Unfalltod zu erleben wie es auch absolut freiwillig ist, einen Streit bis zum Totschlag zu führen. Das sind dann keine unbegreiflichen und unfassbaren Schicksalsschläge, wenn jemand stirbt, sondern völlig natürliche Vorgänge. Die häufigsten Todesursachen wie Herzinfarkt infolge Verfettung werden sogar als Krankheiten bezeichnet und auf Kosten der Allgemeinheit behandelt, als ob nicht jeder Körper selber durch eigenverantwortliches Verhalten für intakte Organe zu sorgen hätte.

Wenn aber selbst die Art des Todes eine mehr oder weniger freiwillig wählbare Erfüllung der Existenz bedeutet, sollten auch die Umstände entsprechend motiviert gestaltet und die Ernsthaftigkeit derer Berufung voller Lebensfreude gemeistert werden. Der lebende Mensch kann wohl die Entwicklung der im zugänglichen einzelnen Ebenen beeinflussen, nicht aber den Zustand der Gleichzeitigkeit, weil er diesen erst durch seinen Tod erreicht.

Das bedeutet, auch der Tod hat den gleichen Sinn wie das Leben: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verbinden. Der Tod ist wie die Geburt kein Recht, sondern beides ist als Teil der menschlichen Existenz die Lebenspflicht einer Erneuerung durch Geburt und Tod. Es mag auf den ersten Blick ein schwieriges Unterfangen sein, den eigenen Tod als ein wertvolles Ereignis verstehen zu wollen bei all der Schwermut, mit welcher in der Vergangenheit damit umgegangen worden ist. Selbstverständlich ist das Erleben eines Verlustes für die Hinterbliebenen stets eine unangenehme Erfahrung, das heisst aber nicht, dass auch der Verstorbene selber im Zentrum der Trauer wäre.

Um einen geliebten Menschen, den Angehörige um seiner selbst Willen über die Klinge springen liessen, beispielsweise einen Alkoholabhängigen in der Endphase, den man weiter trinken lässt, wird ebenso getrauert wie um andere. Durch das persönliche Menschenopfer als Freiwilligkeit der Umstände ergibt sich in der Gleichzeitigkeit der Anschluss an einen wertfreien zeitlichen Rahmen zwischen Tod und Geburt.

In der Neuschöpfung von noch nicht besetzten Zeiträumen, die durch den Tod zu Gunsten der Geburt geschaffen werden, gründet der ganze Optimismus der menschlichen Existenz. In diesen Zusammenhang kann eine Feststellung aus esoterischen Kreisen gehören, welche sich gezielt mit dem früheren Leben befassen, allerdings personenbezogen: Diese Gruppierungen meinen zu bemerken, dass die Seelen von Verstorbenen immer schneller wieder da sind; zum Beispiel würden jene von Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg bereits wieder auftauchen.

Wie dem auch sei, folgerichtig wird diese Beobachtung, wenn man sie von lebenden Personen trennen würde: Die Tötung von siebzig Millionen Menschen innerhalb derselben Generationen während der beiden Weltkriege hat den enormen Freiraum einer Veränderung geschaffen, der als Kulturriss bezeichnet werden kann. Wobei nicht die Anzahl der Menschenleben relevant wird, sondern die Summe des frei gewordenen Gedankengutes. Direkte und indirekte Bevölkerungsdezimierungen durch Menschen sind mit Ausnahme von Notwehr eine direkte Folge des entpersonifizierten Menschenopfers durch Ideologien, weil damit die Ausgewogenheit von Geburt und Tod zerstört wurde.

Die Verherrlichung des Lebens ist genau so unhaltbar wie jene des Todes, wenn der Sinn erst durch die Erfüllung der jeweiligen zum Ziel führenden Pflichten erkennbar wird. Durch die Fähigkeit, die eigene Geburt mit dem eigenen Tod zu verstehen, kann das natürliche Todesrisiko des Menschen wieder als bewusstes Opfer gelebt werden.


 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
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