Egoismus - Selbstverwirklichung vermeintlicher Freiheit

Eine zentrale Aussage der Verhaltensforschung lautet ungefähr so: Der Mensch verhält sich als soziales Wesen in seiner Gattung kooperativ, aber nicht friedlich. Diese Charaktereigenschaft des genetisch erzwungenen Zusammenwirkens bezeichnet man als das Gute im Menschen, als sozial. Auch das vermeintlich Schlechte ist aber schon vorhanden, der Mensch ist von Natur aus nicht friedlich, sondern bloss anpassungsfähig. Auf Konflikte reagiert der Mensch mit einer erhöhten Agressionsbereitschaft. Hundertprozentig, nicht etwa freiwillig, wie in dieser Gesellschaft aufgrund einer religiös geprägten Inbesitznahme und Verwaltung von Frieden oft gemeint wird.

Das System eines angeborenen Egoismus stammt ebenfalls aus der Zeit einer weit zurückliegenden Entwicklungsstufe und hat immerhin das Überleben der Gattung bis zum heutigen Tag ermöglicht. In der zweidimensionalen Wirklichkeit des Fressen und gefressen Werdens der Vorfahren genügte ein blosses Knurren zur Einhaltung einer sozialen Ordnung. In der Zwischenzeit ist das alles ein bisschen komplizierter geworden, aber tatsächlich nicht viel.

Mit dem Zugang des Menschen zur gedanklichen Ebene haben sich die Konflikte auch ins Innenleben übertragen, was zusätzlich innere Spannungen bewirkt, die auf der archaischen Instinktebene allein nicht mehr bewältigt werden können, sondern zwingend einer persönlichen Weiterverarbeitung bedürfen, was je nach Umständen zu grösseren oder kleineren Zusammenfassungen führte, die jetzt als Kulturen, Völker, Gemeinden und dergleichen bezeichnet werden, ursprünglich aber aus den Erfordernissen der Fortpflanzung und Brutpflege heraus entstanden sind.

In jüngster Zeit haben vor allem die Religionen während fast zwei Jahrtausenden diese Spannung regulieren können, bis sie infolge mangelnder Erneuerung der sich weiter entwickelnden Wahrnehmung als war-nehmen der Menschen, besonders auch mit Bewusst-Werdens-Erweiterung durch Technik, als relative Wahrheit erkannt wurden. Man ahnt sich zwar weiterhin als gläubig oder ungläubig, was beides auf dasselbe herauskommt, weil es weder eine Bestätigung noch eine Negation des Singulars geben kann.

Durch das Erstarren in einer vereinfachend leitenden Glaubenslehre werden aber die Zusammenhänge nicht mehr erkennbar. Die Religion selber wurde zum Ziel einer vermeintlich grenzenlosen Freiheit. Der Religion wurden Fragen gestellt, die ihrerseits in sich selbst religiös sind. Dass die Theologie an diesem Punkt trotz des bereits nahezu unbestritten nicht mehr haltbaren konzentrischen Weltbildes einfach mit einer als relativ erkannten dogmatischen Wahrheit in der Öffentlichkeitsarbeit weitermacht, fördert die bereits bestehende Tendenz der Politik zum religiösen Ritual.

Damit aber wird mit der Zeit die ganze Kultur auf den gleichen Weg gedrängt, den die Kirche bereits gegangen ist: Die Menschen wenden sich zunehmend ab und finden Ersatz, bis schliesslich auch die Staatsformen nicht mehr funktionsfähig sind. Der Kulturriss ist jetzt seit den beiden Weltkriegen in vollem Gang und wird lediglich noch durch einen oberflächlich mental-psychologisch gestützten Pragmatismus verzögert. Davor, dass Europa in absehbarer Zeit von merkbaren Erschütterungen als Folge der wirtschaftlichen und sozialen Erneuerungen betroffen sein wird, braucht man sich im übrigen nicht zu fürchten, wenn man kein Kapital zu verlieren hat.

Wie Glasnost und Perestroika im kommunistischen Gefüge vergleichsweise im Kapitalistischen verlaufen sind, kann wahrscheinlich nur von aussen im Detail beurteilt werden. Im Gesamten zeichnet sich jedenfalls ein revolutionärer Entwicklungsschub ab, der quer durch alle Kontinente und Kulturen die gesamte Menschheit umfasste und wohl kaum die von der Wirtschaft einiger Industrieländer formulierte Globalisierung zum Zweck hatte.

Die Folgen aus der Mentalität dieser Gesellschaft brauche ich hier nicht näher zu beschreiben, das steht täglich in den Zeitungen nachzulesen. Noch glaubt man aber, mit Geld komme der Sinn dann wie von selbst. Doch die Probleme erscheinen immer schneller für immer mehr Menschen unlösbar, es scheint keinen Ausweg zu geben, die innere Spannung steigert sich ins Unerträgliche und führt schliesslich zur angeborenen Reaktion der Aggression. Die gesunde Selbsterhaltung artet aus in einen unkontrollierten Egoismus, wenn kein Weltbild sichtbar, kein Motiv mehr erkennbar ist, also kein Ausgleich mehr stattfinden kann mit der gedanklichen Ebene.

Da sich der Mensch ohne erlebte Wahrheit meist unweigerlich in einer Welt der Sinnestäuschungen verstrickt, ohne dies selber zu bemerken, und nach kurzer Zeit wieder am gleichen Punkt ist wie vorher, kann auch nicht erkannt werden, wenn eine Wahnvorstellung als Wahrheit gesetzt ist. Es gibt fast nichts, für was nicht Gläubige zu finden wären, wenn man sich den ganzen Katalog von Wahrheiten der Religionen, Kirchen, Sekten, Orden, Logen, kurz, der religiösen Vereinigungen betrachtet.

Wahrheit ist aber kein Element der Selbstverwirklichung, das man frei wählen kann. Es nützt nichts, aus dem Katalog einfach etwas Passendes auszusuchen oder sich zum Mitmachen überreden zu lassen. Die Zusammenhänge müssen individuell bis auf die magische Stufe zurück stimmen, sonst entsteht keine Wahrheit, die erlebt werden kann, sondern lediglich das, für sich allein, auch wichtige Gefühl der Geborgenheit und des Verstandenseins.

In der gedanklichen Ebene ist ein so tun als ob nicht möglich, weil jeder Betrug ein Selbstbetrug darstellt. Wenn die Natur während Jahrmillionen der Vorfahren leben und sterben liess, damit ein kleines Stück vollkommener Freiheit im Menschen sei, nebst vielem anderen auch, so sollte allein schon deshalb mit einigem Respekt an den Zusammenhang Freiheit und Egoismus herangegangen werden und wenigstens ab und zu die Frage auftauchen, ob das, was gedacht und getan wird, auch einigermassen im Einklang steht mit dem, was man fühlt und ahnt.

Da sich die Wechselbeziehung von Akzeptanz und Kreativität in der Persönlichkeitsstruktur äussert, kann auch leicht festgestellt werden, ob im Augenblick eine Symbiose oder eine Behinderung besteht. Wenn durch unglückliche Umstände eine extreme Einseitigkeit entstanden ist, die längerfristig zu einem äuffälligen Verhalten der Umgebung führt, muss meistens zuerst der Egoismus abgebaut werden, damit ein Ausgleich, verbunden mit Neuorientierung und Weiterentwicklung, stattfinden kann. Wenn man also zunehmend das Gefühl hat, von der Umgebung nicht verstanden zu werden, muss man selbst die Formulierungen suchen, welche die anderen verstehen, ohne dabei auf das, was man ausdrücken will, zu verzichten. Das ist im Einzelfall aber nur möglich, wenn man sich dessen auch bewusst ist.

Eine schwierige Phase in der Persönlichkeitsentwicklung durchlebt der junge Mensch in der Pubertät, wenn er mit seinen ihm zur Verfügung stehenden Fähigkeiten vor der sinnlosen religiösen Frage nach dem Sinn ohne Religion kapitulieren muss. Wenn es nicht so wäre, man würde es nicht glauben, dass in dieser Gesellschaft niemand dafür die Verantwortung zu übernehmen hat, wenn junge Menschen beispielsweise sagen: Was soll's, ich bin ja sowieso niemand, es gibt keine Gerechtigkeit, wir haben ohnehin keine Zukunft, alles wird zerstört, es hat ja doch alles keinen Sinn . . . und so weiter.

Auf wundersame Weise verwandelt sich jetzt das ehemals gehätschelte Kind Gottes plötzlich zur Privatperson, mit welcher niemand etwas zu schaffen haben will und die Seele wird zur geheimen Verschluss-Sache, obschon gerade hier mit klaren Ansichten konsequent geführt werden müsste, damit der junge Mensch die Bezugspunkte der Zusammenhänge findet, wodurch erst ein Gesamtbild ermöglicht wird, welches auch die mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit der Gewissheit in sich beinhaltet.

Die Frage nach einem Sinn stellt sich ja nicht gewissermassen von selbst, sondern ist Ausdruck eines Mangels an Motivation, wofür es eine Ursache geben muss. Für sich genommen ist die Frage an sich sinnlos im Sinne von Unsinn, weil das Ziel für den Menschen lediglich auf der momentanen Beobachtung seiner selbst, das heisst seiner Welt, beruhen kann. Eine Sinnfrage entsteht also zwangsläufig dort, wo ein Ziel ideologisch falsch besetzt wird, was aber die biologische Gefühlskategorie der gleichzeitigen Anpassung und Abgrenzung, der sowohl Freiheit wie auch Egoismus genügen müssen, nicht zulässt ohne ernsthafte Folgeschäden.

Was Sinn macht oder nicht, ist stets vom Ziel abhängig. Dieses Ziel als Sinn verstanden kann der Mensch nicht in sich selber finden, es sei denn über einen ideellen Selbstbetrug, der jedoch früher oder später in Form einer Erkrankung wieder korrigiert werden muss. Die zuständigen Erziehungspersonen sind auch dafür verantwortlich, ihrem Nachwuchs die eigene Motivation zu begründen, warum sie etwas tun oder nicht, weil die Fortpflanzung zur Selbstzerstörung wird, wenn vollkomme Freiheit und egoistische Selbstverwirklichung mit dem Unsinn einer Sinnfrage konfrontiert werden sollten.

Diese Zeitbombe tickt nebenbei erwähnt immer schneller. Die Generationen, welche jetzt altershalber sterben, warten überwiegend allein in krankenversicherten Einzelzimmern seelenruhig auf ihre Streichung aus den staatlichen Registern. Ich sehe keinen Grund zur Annahme, dass die jüngeren Jahrgänge auch nur annähernd in dieser Art und Weise ihrer Seelen Ruhe finden würden.


 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
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