Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Zweiter Frühling

Wegen einer an sich tödlichen Überdosis von Betäubungsmitteln wurde ich kurz vor Eintritt des Todes reanimiert und kam mit noch 1% Aussicht auf Überleben in eine Klinik, wo ich sieben Tage im künstlichen Koma gehalten wurde. An das Wiedererwachen erinnere ich mich genau. Zuerst sah ich jemand [mich], farblos, nur Kontrast von dunkel und hell, selber aus der Mitte des Raumes der Intensivpflege-Station von weit oben gegen unten, nackt auf dem Rücken im Bett liegend. Der Blick rückte näher heran und betrachtete die Anzeigen der medizinischen Geräte von vorne. Zahlen, die sich veränderten. Plötzlich wechselte der Blickwinkel, ich sah nun einen gräulichen Nebel, etwa einen Meter breit und weniger hoch, aus der Zimmermitte, aber irgendwie ein endlos tiefer und flacher Raum ohne Ende, von vorne schräg oben langsam in einer Wellenbewegung und kontinuierlich grösser werdend ruckartig auf mich zu schweben. Im selben Moment, wie er mich berührte, füllte er den gesamten Raum aus und ich erwachte zu einem neuen, farbigen mir meiner selbst zu sein.

So eindrücklich und nachhaltig dieses Erlebnis auch wirkt, eine Einbildung in Form von Halluzination kann ich dennoch nicht ausschliessen.

Was war geschehen? Zufällig besuchte an jenem Abend mein ältester Sohn mit Freundin seine Mutter. Meine Frau liess mich gewöhnlich liegen bis ich von selbst erwachte, sie sagt, sie hätte mich liegen lassen. Als ich aber mehrere Stunden überfällig war, schaute die Bekannte nach, sah den Speichel-Ausfluss und erkannte die Bewusstlosigkeit. Die Sanität wurde gerufen, ein Notfallarzt kam dazu, zuletzt noch ein dritter Krankenwagen mit einem Beatmungs-Gerät. Nach anderthalb Stunden Reanimation war ich zum Transport fähig und kam bewusstlos in die Klinik, wo ich noch eine Woche lang in einem künstlichen Koma gehalten wurde. Ich hätte nur Dank einem extrem starken Herz überlebt, so die Auskunft vom behandelnden Arzt. Nach weiteren drei Wochen wurde ich in die Psychiatrische Universität-Klinik verlegt. Erst dort begann mit hoch dosiertem Vitamin B die Wiederherstellung meiner geschädigten Nervenbahnen. Mir waren elementarste Eigenschaften abhanden gekommen wie Durst- und Hunger-Gefühl, Kleider anziehen, eigenen Schlafplatz im Zimmer finden, schreiben und dergleichen mehr.

Zu Hause erhielten meine Frau mit der Tochter vielfältigen Beistand, vor allem durch einen Schwager, welcher ihr ehemaliger Schulfreund war. Von meinem jüngeren Sohn wurde zusammen mit einem Kollegen das Passwort geknackt zu meinen Notizen im Computer. Ich hatte viel geschrieben, manches auch schon literarisch ausgearbeitet. Diese Aufzeichnungen waren für Unbefugte weder gedacht noch verständlich und wurden prompt als reales persönliches Tagebuch missverstanden. Meine Frau reichte die Ehe-Scheidung ein, zog diese aber, mir zum Glück, wieder zurück nachdem ich zur gerichtlichen Vorladung vom Oberarzt als verhandlungsunfähig erklärt worden bin.

Meine Genesung schritt rasch voran. Ohne Teilnahme an einer Therapie in der geschlossenen Abteilung verbrachte ich meine Zeit vorwiegend mit Lesen, an den Sportgeräten und mit anderen im Gemeinschaftsraum. Dazu hatte ich oft Besuch, abwechselnd meine Frau oder meine Mutter. Nach zwei Monaten meinte der Oberarzt bei einem Beurteilungs-Gespräch, ich wäre für sie ein Mysterium. Den Austritts-Test bei einem externen Professor hätte ich, sagte dieser, besser bestanden als manche Gesunde die zu ihm kämen. Mitte April, drei Monate nach der Überdosis, war ich wieder vollständig gesund, wurde von meiner Frau abgeholt und zusammen kehrten wir in unsere Wohnung zurück.

Die anschliessend beidseits gewollte, liebvolle Vereinigung war der Beginn für meinen zweiten Frühling zusammen mit der Ehefrau, vorerst aber schliefen wir in getrennten Schlafzimmern. Unser Neustart begann sozusagen wieder bei null. Meine Frau hatte schon während meinem Aufenthalt in der Klinik eine Anstellung gefunden als Degustantin in der Globus-Gourmessa. Dieser Wiedereinstieg ins Berufsleben führte sie später zum Globus-Kundendienst, wo sie bis zur Pensionierung eine langjährige Mitarbeiterin wurde.

Ich war zwar noch Taxihalter mit den Bewilligungen für zwei selbständige Mitarbeiter, meine eigenen Autos aber waren verkauft. Ich hatte bloss noch meinen Führerschein, welcher mir vom Oberarzt bewusst belassen worden war. Nach 23-jähriger Selbständigkeit musste ich nun eine bezahlte Arbeit suchen. Dank Beziehung, der Direktor einer Taxizentrale war mein früherer Direktor beim Transport-Taxi, konnte ich schon zwei Monate später eine Stelle antreten in der Disposition bei der Rufnummer Taxi444. Mit unserem Einkommen als Doppel-Verdiener war die Welt rasch wieder in Ordnung.

Nach einem Jahr fragte meine Frau, ob ich nicht wieder Taxi fahren wolle, sie hätte den Eindruck, ich wäre todunglücklich in meiner Tätigkeit. Noch so gerne rüstete ich einen neuen Toyota Camry zum Taxi aus, änderte den Vollzeit-Arbeitsvertrag zur Teilzeit auf Abruf und begann wieder selbständig mit Taxi ohne Funk-Anschluss. Ich arbeitete nachts, meine Frau tagsüber.

Aus Gesprächen an Taxi-Standplätzen mit Kollegen entwickelte sich zu Dritt die Gründung vom Taxiverband Zürich. Ich übernahm den Aktuar für alles Administrative und erstellte eine Webseite für den Verein, nachdem ich mir autodidaktisch die Programmierung mit HTML angeeignet hatte. Dazu übernahm ich später während vier Jahren den Präsidenten vom Verband unabhängiger Taxihalter. In dieser Funktion war ich auch Mitglied im Dachverband Stadtzürcher Taxigewerbe sowie in der städtischen Taxikommission vom Zürcher Stadtrat.

Mein Interesse galt nun vor allem dem Internet mit seinen Möglichkeiten und meinen eigenen informativen Webseiten keltoi.ch, rolfpfischter.ch und pfischter.ch. Falls die Webseiten einst nicht mehr aktiv sind, sie wurden archiviert bei https://archive.org/web/