Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Die Welt verstehen


Holzstich Flammarion

Das oben stehende Bild, erstmals erschienen 1888 in L'atmosphère, welches ich etwa 14-jährig in einem Naturkunde-Buch meines Vaters sah, weckte mein Interesse und war für mich sinnlicher Anreiz, die Welt verstehen zu wollen. Sich die Welt so vorzustellen wie sie gemäss aktueller Erkenntnis der exakten Wissenschaften tatsächlich ist, setzt von mir ein unangenehm anstrengendes Mit-Denken voraus. Das Jetzt ist der Zeit-Messung entzogen, also zeitlos: Die exakte Gegenwart ist der Beobachtung nicht zugänglich [Heisenbergsche Unschärferelation] und von daher bezüglich Zeit kein Gegenstand der Physik. Wenn aber jene von Menschen die Welt genannte Wirklichkeit tatsächlich zeitlos-gegenwärtig ist, dann kann jeder Bezug auf diese Zeit ohne Zeitmessung mit Vergangenheit oder Zukunft nur ein menschliches Konstrukt sein, so paradox dies klingen möge.

Mein modernes Weltbild setzt voraus, sich allgemein nicht von irgendetwas ausserhalb der exakten Wissenschaften zuerst angesprochen zu wissen zu meinen zu glauben, sondern die Information kennen zu können und mittels dieser Kenntnis zur Erkenntnis gelangen. Mit anderen Worten, nicht zu glauben sondern mit wissen selber immer weiter zu denken. Ohne dabei das ebenfalls vorhandene Nicht-Wissen zu vergessen: Die Gewissheit, normale Wirklichkeit der menschlichen Sinnesorgane sei lediglich ein als Menschenwelt entstandener Teil der Realität.

Im Anfang und Hintergrund jeder persönlichen und damit auch gesellschaftlichen Entwicklung stehen irgendwelche Erkenntnisse, bei mir verbunden mit der Einsicht, wonach neben und mit der bekannten Welt der harten Zahlen und Fakten eine solche von Gedanken als Gefühl vorhanden sei, zusammenfassend für alles was sich dem normal menschlich Wirklichen entziehe wie beispielsweise Bedeutung von Sinn der Gedanken und Seele.

Die gedankliche Vorstellung, das Bild von der Welt, entsteht im Kopf als Buchstaben-Bild durch die beschreibende Sprache und deshalb ist darauf zu achten, im selber denken den Einfluss von sprachlich gläubigen Sammel-Begriffen zu vermeiden. Die Schrift-Sprache Deutsch beinhaltet Ober-Begriffe zu Sachverhalten, welche, wenn überhaupt, lediglich als Eigenschaft oder Tätigkeit ohne Hauptwort fassbar wären.

Ein modernes Weltbild erfasst die Denk-Konstante namens Zeit als 4. Koordinate im Raum, im Gegensatz zur absoluten Zeit in der früheren Physik. Der Grundlagen-Irrtum von eigenständiger Zeit in der Physik von Isaac Newton [1643-1727] wirkt bis heute im Denken. Selbstverständlich kann eine Zeit-Dauer durch Zeit-Messung anhand einer vorher bestimmten physikalischen Grösse fixiert werden, aber diese Zeitmessung hat in meinem Weltbild mit Raum-Zeit-Kontinuum keine Bedeutung. Ein gedankliches Problem besteht darin, dass der vom Menschen gelebte scheinbare Zeit-Verlauf auch unbewusst mitgedacht wird, entweder als endloser Kreislauf oder linear mit Anfang, obwohl tatsächlich ausschliesslich Gegenwart stattfindet. Das den Menschen angeborene waren, das frühere Wort für sehen, führt mit deutscher Grammatik, welche gewesen mit war ersetzte, über wa(h)r-nehmen zur vermeintlichen Wahrnehmung und vernebelt die Sinne durch angebliche Wahrheit.

Ein Weltbild als eigenständiger Begriff ist nur im Deutschen vorhanden. Andere Sprachen haben kein Weltbild, sondern ein Bild von der Welt [image du monde, image of the world]. Mit dem deutschen Weltbild hingegen wird die ebenfalls deutsche Welt vor das Bild gesetzt. Der Erstbeleg für den deutschen Ausdruck uuerlt-pilde = Weltbild als Übersetzung von lateinisch forma ideaque mundi = Gestalt und Idee von Allem, stammt von Notker III. [950-1022], ein Benediktiner-Mönch der Kloster-Schule St. Gallen in der Deutsch-Schweiz.

Von Bedeutung scheint mir die gegenseitige Wechsel-Wirkung von Bild und Welt. Die Welt-Ansicht führt zu einem Weltbild und umgekehrt. Das kulturell vorbestehende Bild [= Weltbild als Resultat einer früheren Weltanschauung] prägt die Denkart, Denkweise, Gedanken, Ideologie, Philosophie etc. und ermöglicht die gegenwärtige Weltauffassung, Weltsicht usw.

Die Weltanschauung formt also zusammen mit Bildung das Weltbild. Mit einem menschlich bedingten nicht-erkennen und nicht-wissen kann eine gefühlte Einbildung entstehen. Die Wahrnehmung von Realität wird dann ersetzt, beispielsweise durch den Gegensatz von weltlich und nicht-weltlich, meist göttlich im Sinn des angeblich Gesamten, welches das vermeintliche Ganze, die Welt, beinhalten soll; der Trugschluss wirkt nun gedanklich als Paradoxon und Zirkel-Schluss. Der tatsächlich vorhandene Gegenpol zum geschlossenen Ganzen, das offene Chaos, wird gedanklich klar falsch nicht erfasst und statt dessen verankert sich eine gläubige Behauptung, da wäre wirklich tatsächlich etwas wie die Welt als Gesamtes.

Ein modernes Weltbild als Vorstellung eines nicht als Ganzes erfassbaren IST-Zustandes im JETZT, ohne vorher und ohne nachher, ohne Anfang und ohne Ende entzieht sich noch weitgehend meinem Verstand auf dem gegenwärtigen Standard der allgemeinen Bildung, welche nach wie vor geprägt wird von Lehren vergangener Jahrhunderte, obschon diese zwischenzeitlich schon längst durch besseres Wissen ersetzt worden sind. [Zeit-Begriff, Raumzeit-Kontinuum, Unschärfe-Relation].

Erkenntnis aus der Quantenphysik führt in der Physik zu einem Paradigma-Wechsel. Möglicherweise handelt es sich bei jenem Ganzen, welches bisher als die Welt bezeichnet wird, um Information als gedankliches Universum, bestehend aus der kleinsten Einheit, dem Bit. Eine der Folgen aus der Quantenunschärfe ist, dass Materie spontan aus dem Nichts auftauchen kann und sogleich wieder verschwindet [Vakuum-Fluktuation]. Demnach könnte Alles bestehen aus dem Nichts [und umgekehrt], einem wabernden Meer von virtuellen Teilchen. Ebenso kann das drei-dimensionale wa(h)r-nehmen von Realität durch den Menschen eine Einbildung sein, eine Illusion, vergleichbar einer holografischen zwei-dimensionalen Konstruktion. Das heisst, mit anderen Worten, da wäre nur Energie und-oder Masse, zeitgleich beides gleichzeitig in Form von jenem was IST; da wäre gar keine Welt, kein Universum oder wie die althergebracht üblichen 3-D-Vorstellungen alle benannt werden mögen. Erst durch das Quanten-Bit werde aus dem Atom menschliche Erkenntnis, denn, was sind Gedanken?

Die empirisch verifizierte Unschärfe-Relation, also dass nur entweder die Position oder dann die Geschwindigkeit exakt erfassbar sind im vier-dimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum, sich gegenseitig bedingenden Raum und Zeit, darf nicht ausgeklammert, verneint oder verleugnet werden im virtuell gedanklichen, also dem ideellen, philosophischen oder religiösen.

Für mich ist die Bezeichnung Welt deckungsgleich mit dem natur-wissenschaftlichen Erkenntnis-Horizont, der bekannte Kosmos und alle seine Bestandteile, dazu aber auch die noch kommenden neuen Erkenntnisse in der Zukunft.