Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Wechseljahre

In die hormonelle Veränderung meiner Abänderung geriet ich als Mann unbemerkt wie auch schon in die Pubertät der Jugendzeit. So ungefähr um 1993, ich war 40-jährig, wurden die noch immer offenen Fragen aus meiner freiwilligen Ex-Kommunikation von damals mit 16 Jahren urplötzlich, von sich aus wieder zu einem inneren Thema in meinem Kopf.

Mit den Angaben aus dem Staatsarchiv Zürich, welches ich mehrmals besuchte und den Rückmeldungen der von mir angeschriebenen Verwandtschaft erstellte ich eine Genealogie der Familien von mir und meiner Frau. Dazu kam später noch meine Familien-Webseite pfischter.ch, seit 2020 auf rolfpfischter.ch.

Mit Büchern aus der Pestalozzi-Leih-Bibliothek, nebst den in Buchhandlungen gekauften, erweiterte ich mein Wissen über die verschiedenen alten Kultur-Geschichten. Sumerer, Phönizier, Ägypter, Griechen, Goten, Römer, Germanen, Kelten und so weiter, und so fort. Vergleichende Religions-Wissenschaft kam hinzu, die Bibel wurde am Computer nach Stichworten durchforstet.

Inspiriert durch ein Bild meines Onkels Eugen Gideon Roth, 1898-1965, Kunstmaler in Einsiedeln, (das Titelbild dieser Biografie), verfasste ich in einem ersten Schritt bis 1997 meine persönliche, nur für mich gültige Moral und Ethik.

Durch das selbständige Studium der keltischen Kultur fand ich die Logik der Dreieinigkeit (Polarität, im Zentrum steht die Sache zwischen zwei sich gegenseitig bedingenden Polen). Dadurch konnte ich endlich das akademisch gelehrte, duale Denkschema des ausgeschlossenen Dritten überwinden (entweder-oder, ja-nein, 0-1 der Computer-Sprachen) und selber denken ohne Bezug auf irgendeine philosophische, religiöse oder ideologische Einbildung nehmen zu müssen.

Danach kribbelte das Raum-Zeit-Kontinuum von Albert Einstein wie ein Gedankenblitz durch den Kopf: Der Raum, das ist der nicht mehr messbare Moment von zeitloser Gegenwart, mein Dasein, verbunden mit der messbaren Zeit als Vergangenheit und Zukunft. Zeitlose Gegenwart ist auch der Titel dieser Autobiographie.

So einfach ist das Verständnis der Welt, ohne Philosophie und ohne Religion, wäre ich nicht als junger Mensch in meiner Zeit der obligatorischen Volksschule falsch oder unvollständig informiert und gelehrt worden. Bis heute befasse ich mich mit Sprachkritik auf meiner Webseite rolfpfischter.ch nebst der keltischen Kultur. Letztes Jahr (2019) wurden bei 114'721 Zugriffen 55'672 Seiten besucht.

Vieles, was sich über die Jahrzehnte hinweg schemenhaft abzeichnete, wurde altershalber unausweichlich deutlich. Auch ich war jetzt seit einigen Jahren ein Mann über Vierzig, der mit erschreckender Ohnmacht akzeptieren musste, wie sich seine einst selbstverständliche Männerwelt veränderte. Vielleicht haben einige etwas mehr, andere etwas weniger Mühe damit, ich gehörte gewiss zu den Ersteren. Nicht genug damit, wenn jüngere Mitmenschen noch Geräusche wahrnahmen, welche ich nicht mehr hören konnte. Immer öfter verlangte ich die Wiederholung von bereits Gesagtem, weil meine Ohren schlicht nicht verstanden hatten. Ein Hörgerät war zwar noch lange nicht nötig, aber die Sinnesorgane vermittelten, anfänglich kaum wahrnehmbar, ein von Jahr zu Jahr unschärferes Bild der Umwelt. Beim Lesen zog ich irgendwann zum ersten Mal die seit fünfundzwanzig Jahren, mehrmals angepasst, für die Ferne geschliffene Sehbrille ab, damit meine müden Augen auch den klein gedruckten Text deutlich sahen. Trinken und Essen wollten bewusst an das Stoffwechselsystem des Körpers angepasst werden. Vielleicht eine letzte Gelegenheit, dem über die Zeiten langsam, aber sicher, angestiegenen Übergewicht obere Grenzwerte zu setzen. Hoher Blutdruck und erste Herzrhythmus-Störungen blieben durch Mistel-Tee und Maiglöckchen-Tropfen vorerst erträglich, selbst bei weiterhin anhaltend hohem Nikotinkonsum.

Die Kinder wurden volljährig, waren dazu schon teilweise erwachsen. Vater zu werden war nicht schwer, schwanger wurde die Mutter, kaum hatte sie dem beider Wunsch nach Kindern entsprechend, die Antibabypille abgesetzt. Vater sein war dann eigentlich auch nicht schwer. Mit seiner starken Frau bei den Kindern im gemeinsamen Haushalt rückblickend fast keine Probleme. Immer war irgendetwas, ist ja klar, aber Probleme? Nein. Für meine Ehefrau war die Anforderung an Mutter, Hausfrau und Geliebte über all die Jahre eine Vollzeitarbeit, die keine Möglichkeiten zum Geld verdienen offen liess. Und für mich war es immer eine Ehrensache, mindestens so viel Geld nach Hause zu bringen, damit alles Notwendige und auch Überflüssiges bezahlt werden konnte.

Autonom hatte die Frau den Haushalt geregelt, auch die Finanzen verwaltet. Nach einundzwanzig Jahren Selbständigkeit und Unabhängigkeit hatte die Familie keinen Franken Schuld offenstehend. Die traditionellen Rollen von Vater und Mutter einfach gelebt, Tag für Tag. Nicht hinterfragend gespielt oder spielerisch geplant, sondern sich gegenseitig als Frau und Mann zusammen weiter entwickelt. Gute Zeiten, schlechte Zeiten, mit Höhepunkten und Rückschlägen. Für meine teilweise ergrauten Haare brauchte ich jedenfalls keine Sündenböcke, die daran schuld sein könnten. Zum Spass meinte ich höchstens manchmal, nach bald dreissig Jahren Geld verdienen hätte ich noch immer gleich viel, nämlich fast nichts.

Als meine beiden Söhne, 1999 waren sie 20 und 22 Jahre, nebst der Bedienung durch meine Frau zunehmend mir gegenüber respektlos wurden, führte ein Streit am Küchentisch wegen ihrem Umgang mit Freundinnen zum Eklat. Im sicheren Empfinden, für die beiden nur noch ein störender Faktor im Zusammenleben mit ihrer Mutter zu sein, erzwang ich ihren Umzug in eine eigene Wohnung, welche sie dann zusammen in der Nähe auch bezogen. Die Tochter mussten wir im 9. Schuljahr von der Schule nehmen wegen einer persönlichen Differenz mit ihrem Hauptlehrer, einem Quer eingestiegenen ehemaligen Flugbegleiter. Sie erhielt trotzdem problemlos eine Lehrstelle bei der Swisscom.

Mit zunehmendem Alter bemerkte ich dann gelegentlich, wie Andere begannen, sich mir gegenüber anders zu verhalten. Parallel zu meinem körperlichen Alterungsprozess schien ich auch anders auf andere zu wirken. Zuerst fiel mir auf, wie ich von jüngeren Erwachsenen immer seltener einfach geduzt wurde. Dann musste ich auch Blicke, Augenblicke, von Frauen erwidern und verarbeiten, die mir bislang fremd waren. Es waren nicht einfach die anzüglichen Blicke wie die von etwa gleichaltrigen oder älteren Frauen, die mir auch schon schöne Augen machten. Nein, die kannte ich und wusste als treuer Ehemann gut damit umzugehen.

Nun war es ein kurzes Aufblitzen. Sekundenbruchteile, aber wie verschmelzend eingebrannt, lange anhaltend. Sonderbar, so wie ein Hauch von Sehnsucht. Faszinierend und ergreifend. Eine unsichtbare Verbindung, sogar Pupillen-Grösse für einen Moment beeinflussend. Ich führte Versuche durch, um abzuklären, ob ich mir das alles nur einbildete. Doch ich konnte schauen wie ich wollte, nichts war mehr wie früher. Aber was genau war das denn? Wird die Lebenserfahrung irgendwann für andere spürbar durch die zwanzig und mehr Jahre Unterschied? In jungen Jahren konnte ich am Arbeitsplatz neidisch beobachten, wie der ältere, grau melierte Herr locker und ungezwungen den Umgang mit jüngeren Kolleginnen findet, als wären da Signale zwischen dem gesetzteren Herrn und der jungen Frau, die bei jüngeren Männern aber als billige Anmache ablehnt wurden.

Das für mich als Mann unbekannte Wesen der Frau. Erst selber damit konfrontiert, von jüngeren Frauen als offenbar väterlicher Typ beachtet zu werden, wurde ich mir 45-jährig auch dessen bewusst. Bloss, was wollen mit achtzehn Jahren volljährige Mädchen, nun Frauen, noch mit einem Vater? Wozu taugt ältere Mann noch, wann ist Mann überhaupt alt? Vielleicht verleitet die Standard-Floskel zu trügerischem Wahnwitz, man sei stets so alt, wie man sich fühlt. Früher hiess es, was einer bis Dreissig nicht kann, lernt er nimmermehr. Trau keinem über Dreissig, war dann ein Spruch der 68er-Bewegung vor dreissig Jahren. Und jetzt sind diese Jahrgänge für die Jüngeren selber zu Alten geworden.

Ältere Männer und jüngere Frauen, ungezählt als Kundschaft im Taxi miterlebt, jedoch gar nie so richtig wahrgenommen. Die Realitätswahrnehmung. In dieser Kultur konnte eine professionelle Szene die Generationen der älteren Männer gnadenlos abkassieren. Nicht gleichbleibend oder abnehmend, sondern zunehmend. Früher, als Mann in den besten Jahren, meinte auch ich, das hätte bloss mit Charakter und Persönlichkeit zu tun. Doch das ist scheinbar nur die eine Seite. Klar brauchte es im Rotlicht-Milieu ebenso wie am Drogenstrich schliesslich dann noch den Idioten zum geschädigten Freier oder zumindest gewisse Ansätze dazu, doch die Triebfeder schien mir etwas Angeborenes zu sein. Und tabu. Vor allem die Prostitution junger Frauen war ein ganz spezielles Tabu, weil es sich dabei teilweise auch um eine unverdächtige Schnittstelle zwischen Kultur und Subkultur handelte. Und diese wiederum wurde für mich als Taxifahrer durch die Tätigkeit bedingt ein Fenster in zwei verschiedene Welten. Tabu ist nicht einfach alles, worüber allgemein nicht gesprochen wird, sondern setzt die persönliche Betroffenheit in einem sozialen Umfeld voraus. Es sind sozusagen die Urgesetze der Menschen, die so genannten ungeschriebenen Gesetze. Für deren Verletzung bestraft kein Richter, sondern die Handlung selbst. Mit Leid und Elend. Selbsttötung. Krankheiten. Gedanklichem Unvermögen. Verlust von geschätzten und geliebten Werten.

Mein Kontakt als nur an Information interessierter Nicht-Freier wandelte sich unmerklich zum Möchtegern-Freier. Schon seit Wochen aufgefallen war mir am Drogenstrich eine junge Frau um zwanzig durch ihren stolzen Gang. Sie war gross und sehr schlank, trug stets enge, hellblaue Jeans, weisse Raver-Turnschuhe mit dicken Sohlen und ging damit in dem für die Technoszene der Neunzigerjahre typischen, rhythmisch eleganten Takt. Die Haare kurz und hell gebleicht, oft mit einem modischen Stirnband verziert. Fast jede Nacht wartete sie an der gleichen Ecke auf Kundschaft, ruhig lehnte sie mit abwesend traurigem Gesichtsausdruck an der Mauer und rauchte Zigaretten. Ich musste wegen der Verkehrsführung um den gesperrten Limmatplatz oft um diese Ecke kurven.

Die Frau zog mich magisch an. Mehrfach spielte ich mit dem Gedanken, bei ihr anzuhalten und sie anzusprechen. Einfach so, um mal zu erleben, was sowieso alle älteren Männer täten oder doch nicht. Selber jenes zu tun, was angeblich nur die anderen machen. Die Ehefrauen oder Partnerinnen wollen nicht wissen. Nein, meiner sicher nicht. Vor zehn Jahren war ich als eines der jüngsten Mitglieder im Männerchor und hatte miterlebt, wie einige der älteren Sänger ab und zu erst nach der Gesangprobe zu uns stiessen beim gemütlichen Teil im Restaurant, damit sie noch schnell auf dem Weg nach Hause ein Alibi hatten. Mich hatte das wie die anderen nicht gestört, Männer lassen sich leben, das muss jeder für sich selber wissen, was er tut oder nicht. Frauen, wird gesagt, neigen eher dazu, sich selber zu fragen, was sie wohl falsch machen würden oder was andere besser können als sie selber.

Bei mir ging es aber nie um Beziehung. Meine Frau und ich hatten uns nach 22 Ehejahren nicht bloss gern, nein, wir liebten uns noch immer, pflegten einen anständigen und respektvollen Umgang, was sich bereits in der gegenseitigen Wortwahl ausdrückte und praktizierten einen schönen Körper-Kontakt, bei dem beide voll auf ihren Genuss kamen. Es bestand für mich überhaupt kein ersichtlicher Anlass, warum ich nun plötzlich von diesem eigenartigen Trieb befallen wurde, der sich von Tag zu Tag mehr zu einer treibenden Kraft entwickelte. Sollte ich mich auch einmal als Freier versuchen oder nicht? Wenn es wirklich alle Männer tun, wie man angeblich sagt, wäre ich der einzige, der das nicht macht. Doch ich liebte meine Frau, wir vertrauten uns und ich wollte ihr keinesfalls untreu werden. Würde ich überhaupt untreu, wenn ich dafür bezahle? Ich wurde hin und her gerissen zwischen meinem Gewissen und dem Reiz.

Notizen zum Drogen-Selbstversuch

Drogensucht war in den 90er-Jahren für die Allermeisten ein stellvertretendes Thema. Man redete mit und mischte sich ein, auch wenn man fast überhaupt nichts wusste und bildete sich darauf womöglich noch viel ein. Man hatte ja so keine Ahnung. Heroinsucht ist, im Gegensatz etwa zum Alkoholismus, der mit einem Toleranzbruch endet, keine Krankheit und schon gar keine Geisteskrankheit, sondern lediglich die durch Süchtige nicht mehr wahrnehmbare körperliche Abhängigkeit. Diese Sucht wäre strikt zu trennen von den vorher oder nachher möglicherweise bestehenden Mängel oder Defekten sozialer oder psychischer Art.

Vielleicht schon der Erstkontakt mit Heroin, also auch ein neugieriges probieren, kann den Körper verändern, unwiderruflich. Die nicht mehr wahrnehmbare Abhängigkeit setzt bei dieser Substanz unmittelbar ein und verlangt nach erneutem Konsum. Mit Heroin entsteht ein Gefühl von gleichzeitigem Schlaf- und Wach-Zustand. Eine Reise ins unendlich Endlose, verbunden mit einem sich selber auflösen durch ein seliges wegdösen, wie man das beim Einschlafen einen Sekunden-Bruchteil vor dem Schlaf erahnen könnte. Beim Kokain macht, nebst der entrückenden Ekstase, ein unwiderstehlich geiler Geschmack gierig und will unbedingt nochmals geküsst werden. Wieder und immer wieder, man kann damit gar nicht mehr aufhören, bis man keines mehr hat davon. Dabei entsteht aber keine körperliche Abhängigkeit.

Als Taxifahrer hatte Rolf kein Problem, für seinen Selbst-Versuch an den Stoff zu kommen, den Drogenhändlern war noch so recht, eine Taxifahrt statt mit Geld durch Ware bezahlen zu können. Rolf schnupfte nur, hatte nie gespritzt. Es gibt wohl nichts Ekelhafteres als Heroin, das ist zum Kotzen grausig, das ist Sterben pur, mindestens der Anfang davon. Die erstmaligen Abwehrreflexe des Körpers, der sich schwallartig erbrechend verweigert, die hat man später nicht mehr, selbst wenn man zeitliche Abstände von mehreren Wochen einhält und dadurch nach jedem Konsum auf den Entzug kommt. Aber jedes Mal beginnt nach ungefähr acht Stunden das schiere Elend, zuerst hört man bloss Flüssigkeiten in sich glucksen und strömen, dann rumort der Magen, die Nieren ziehen am Rücken, die Muskulatur ist ein wenig verspannt. Es sind Schmerzen, die nicht eigentlich weh tun, ausser den Krämpfen, aber sie sind äusserst unangenehm. Zu diesen Leiden gesellt sich ein anhaltendes Schwindelgefühl ohne Gleichgewichts-Störungen, welches für die nächsten paar Stunden wiederholt zum Hinlegen zwingt. Danach bleibt ein Befinden wie bei einem Kater nach einem Alkoholexzess. Doch schon ein paar Stunden später, der Ekel des Elends ist noch frisch präsent, meldet sich im Speichel ein Geschmack der Erinnerung. Man merkt dies immer wieder, während mehrerer Tage, braucht bloss seine Lippen zu lecken, um erneut vom Geschmack dieser quälenden Sehnsucht geküsst zu werden.

Dann hat man Angst und Lust zugleich. Diese Gewissheit, auf der einen Seite der Horror danach, auf der anderen Seite die Gefühle hier und jetzt, lässt keine Wahl offen, ob man schöngeistig wie in einem Balanceakt in der Mitte bleiben wolle. Im selben Moment, in dem der Körper erstmals vom Heroin durchgeschüttelt wird, ist alles lediglich noch eine Frage der zeitlichen Abstände. Man kennt die Gratwanderung mit der Zeit blindlings, sowohl festen als auch taumelnden Schrittes. Hat schon Glück gehabt, sogar Abstürze unbeschadet zu überleben, die man als unbewusste Selbsttötungs-Versuche bezeichnen könnte.

Auch bei Rolf hatte die Kokain-Heroin-Kombination, welche er auf seine Bitte hin von Susanne erhalten hatte, eine verheerende Wirkung. Bereits wenige Sekunden nach dem hoch ziehen in die oberen Nasenhöhlen kräuselten sich beiderseits der Schläfen zu den Ohren hin elektrisierende Impulse, lähmend, aber äusserst angenehm, welche sich bis zur Mitte der Schädeldecke zu einem lieblich kitzelnden Flirren verstärkten, wodurch das Bewusstsein entrückt wird, man befindet sich mit offenen Augen in einem absoluten Nichts, welches gleichzeitig allumfassend ist, bis dann von den kribbelnden Fingerspitzen eine wohlige Wärme ausgeht und bald sanfte Wellen den Körper pulsierend durchströmen, warm erglühend, unendlich anhaltend, konstant beglückend, ähnlich einem Orgasmus, aber wieder und immer wieder, fluten diese aufwallenden Wogen unaufhaltsam dahin.

Danach kommt die Versuchung der Wiederholung. Schliesslich gibt man sich endlich auch mit weniger zufrieden, die Abhängigkeit ist da und einfach von selber aufhören geht nicht mehr. Alle Drogenkonsumenten behaupten zwar, kein Problem, ich habe das unter Kontrolle, ich könnte jederzeit damit aufhören. Und das ist nicht mal gelogen, man meint das wirklich, weil die Abhängigkeit nicht wahrnehmbar ist.

So hat Rolf mit seinem Selbst-Versuch noch weiter gemacht, als der Punkt zum Abbruch längst überschritten war. Schon vom ersten Moment an kann man auch nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden, wahr ist nur noch das, was man selber denkt und sagt, und sei dies noch so an den Haaren herbeigezogen. Man behauptet, nichts genommen zu haben, als ob man einem das nicht ansehen würde. Die Bewegungen, die Redensart, der Tonfall, die Pupillen bei Kokain tellergross, bei Heroin stecknadelklein, man bräuchte gar nichts mehr zu sagen. Ein auswegloser Kampf beginnt mit Ausreden und Versprechen, endlos, es wiederholt sich immer wieder, bis sich die Belogenen schliesslich enttäuscht abwenden. Auch Trudi hatte anfangs noch oft mit Rolf geredet, ihm gedroht, sie würde ihn anzeigen, die Scheidung einreichen, liess sich hoch und heilig versprechen, er würde nun nie mehr etwas nehmen.

Wer will behaupten, Heroinkonsum sei bloss ein Vergnügen von jenen mit einem schwachen Willen? Sicher nicht, man sagt das allen, die es wissen wollen, man schreit das aus sich heraus, wie einen das ekelt, schon der blosse Gedanke an das danach, was man ersehnte, schüttelt einen durch. Dann kommt zum schlechten Gewissen die Angst. Manchmal, spürt man den Gedanken, der einen fast zerreisst, irgendwo versteckt in der Sehnsucht, so unheimlich gewiss, den rationalen Kampf gegen die Drogen mit der Selbstaufgabe und dem Tod, schlussendlich doch, todsicher, zu verlieren. Das Sterben ist ja so gewiss, das glaubt gar niemand. Es ist alles lediglich eine Frage der Zeit, der zeitlichen Abstände, wieweit ein Raum bleibt, nicht schon morgen, sondern erst übermorgen zu sterben. Heute noch nicht, das ist der Raum.

Im Januar 2000 nahm Rolf im Alter von 47 Jahren nach einem erneuten Exzess, wodurch er einmal mehr gegen seine Abmachung mit seiner Frau verstiess, eine tödliche Überdosis Heroin und schlief zu Hause in seinem Bett friedlich ein, er wollte schlafen, einfach nur noch für immer schlafen.