Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Vorwort

Das eigene Leben beschreiben?

Was sagen sie?
Sie reden über ihr Leben.
Gelebt zu haben ist nicht genug für sie?
Sie müssen darüber reden.
Tot zu sein ist nicht genug für sie?
Es genügt keineswegs.

von Samuel Beckett in "Warten auf Godot".
Das Schauspiel des Iren wurde am 5.1.1953 in Paris am Théâtre de Babylone uraufgeführt.

 

Anstrengend und mühsam zwar, sich "Gott und die Welt" wie Alles aus dem Nichts selber erklären zu müssen, aber letztlich doch befriedigend, hinterher betrachtet: die Gegenwart sei zeitlos, weil sie mit jeder Zeit-Messung bereits Vergangenheit wäre.

Vorbemerkung zu meiner Person: Rund 6% aller Menschen würden wie ich angeboren doppelt sehen ohne zu schielen, sagte mir der Augenarzt, als ich im Alter um 40 eine bessere Brille anschaffen wollte und ein Seh-Test mit neuester Technologie durchgeführt wurde. Die Brille zur Korrektur der Sehschärfe in die Ferne trage ich seit der Auto-Fahrprüfung mit 18, sie ist mir aber nur zum Fahren vorgeschrieben und notwendig.

Ich könne die Welt in etwa so sehen wie sich die anderen das Bild am Fernseher anschauen. Nun weiss ich umgekehrt aber nicht, wie die Mehrheit der anderen 94% diese ihre Welt sieht und fühlt. Die optisch dreidimensionale Tiefenschärfe entsteht bei mir nicht automatisch mit meinen Augen, ein 3D-Bild (Stereogramm) wird beim parallel doppelten Betrachten nicht zu einem dreidimensionalen Bild, sondern ich sehe die verschiedenen Schichten im verschlüsselten Bild, den Aufbau der Figuren. Am Grunde flimmert wie beim Fokus einer Spiegel-Reflex-Kamera eine glänzende Stelle, welche beim Fixieren einen schmerzhaften Blitz im Kopf auslöst, was zum Abbruch der Betrachtung führt.

Ohne exakte dreidimensionale Tiefenschärfe habe ich einerseits bloss reduziert Zugang zur Gefühlswelt des Unheimlichen oder Bedrohlichen und der damit verbundenen Angst, anderseits aber sinnlich eine unmittelbare Wahrnehmung von Veränderungen. Dazu habe ich dadurch auch keine ausgeprägte Ästhetik: ich sehe nicht, warum etwas schön sein soll oder nicht. Die Dinge sind für mich so wie sie sind. Ebenso merke ich nicht, warum mein gefühlter Zustand gut sein soll oder schlecht. Mein Befinden ist in jeder Situation mir eigen. Auch die üblicherweise angeborene Lebensfreude musste ich erst entdecken als Motivation durch den Reiz der Sinne und mir die Lust am Leben als Lebenskunst gedanklich erarbeiten. Leben an sich empfinde ich nicht als Lust, sondern als Pflicht.

Dieser Sachverhalt ist vermutlich wesentlicher Bestandteil meiner Entwicklung und erklärt mir auch mein Interesse für den Unterschied zwischen der gelehrten, allgemein gültigen dualen Logik des entweder-oder meiner Umwelt einerseits und andererseits einer Folgerichtigkeit von natürlicher dreieiniger Polarität mit dem Inhalt zwischen zwei sich zwingend gegenseitig bedingenden Tatsachen, wodurch ein Blick über den Teller-Rand hinaus möglich wird.

Mein Leben wird geprägt von einer Art eigenem Kopf-Kino, im Wach-Zustand ist diese meine Gedanken-Welt mit den Fragen nach Zusammenhängen mehr oder weniger ständig aktiv. Dies kann zu gleichzeitigem anwesend und abwesend sein führen. Je mehr Menschen um mich herum sind, desto einsamer werde ich. Die Traumwelt im Schlaf fehlt mir fast vollständig, ich kann mich schon immer nicht an Träume erinnern, obschon ich wie alle Menschen im Schlaf auch geträumt haben muss. Schlafen ist eine meiner liebsten Beschäftigungen, durchschlafen bis ich von selber erwache. Zur Erholung kann ich mich aber auch jederzeit hinlegen und für nur zwanzig Minuten kurz schlafen.

Die angeborene soziale Kooperation, Wesens-Merkmal der Menschen, könnte bei mir früher zeitweise an ein zwanghaftes Helfer-Syndrom anmahnen. Ich bin oft der Letzte, welcher noch ein Verständnis hat für ein Nicht-Wollen anderer, weil von mir aus gesehen auch ein Wille zuallererst ein Können voraussetzt.