Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Schulzeit

In der Zeit zu welcher meine Erinnerung einsetzt Mitte der 50er-Jahre hatte mein Grossvater gerade grosse Teile seines Weidelandes an das Spital Horgen für dessen Ausbau verkauft und die Vieh-Haltung aufgegeben. An den leeren Kuh-Stall mag ich mich erinnern, nur das Pferd war noch kurze Zeit vor Ort, ich hatte aber Angst vor dem riesigen Tier. Bald wurde das Erdgeschoss der Scheune mit den Stallungen umgebaut zur gewerblichen Nutzung. Das Pferd wurde schon vorher langsam ersetzt durch einen Zweitakt-Einachs-Traktor, den Chlapf. Mit den je nach Bedarf anzubringenden Zusätzen multi-funktional: ein Anhänger mit Fahrer-Sitz, zum mähen der Wiese ein Zweimesser-Balken, für den Acker und Garten der Pflug und eine Bodenfräse.

Auch von Hand musste gemäht werden. Im Gerätehaus neben dem Wasch-Haus hingen Sensen und Rechen. Daneben standen Gabeln und der mobile Dengel-Bock. Das Gras wurde nun nicht mehr benötigt und zur Gras-Teeri, der Gras-Trocknungs-Anlage Beichlen gebracht von wo das Heu nicht mehr in den Herner zurückkehrte. Mancher Schnitt wurde auf dem Misthaufen im Garten deponiert, wo Gurken wuchsen und aus dem Kompost mittels Umschichtung am Schluss neue Garten-Erde ausgesiebt wurde. Die Gülle aus der Jauchegrube unter dem Plumpsklo wurde bei Bedarf abgepumpt und mit sechs Meter langen, verzinkten Eisenrohren zum Spritz-Schlauch auf der Wiese geleitet.

Der Ackerbau wurde auf den grosszügig bemessenen Gemüse-Garten für den Eigenbedarf reduziert. Beibehalten wurden nebst dem Saison-Gemüse die Obstbäume (Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Pfirsich), die Beeren (Himbeere, Erdbeere, Brombeere, Johannisbeere, Holunder) und die Schnitt-Blumen. Im Gewächshaus, dem Wasch-Haus angebaut mit Zugang von diesem, wurden aus den Samen die Setzlinge kultiviert. Die Garten-Beete vor dem Haus waren mit Stein-Platten eingefasst und konnten zu Zweit mit Glasfenstern abgedeckt werden, welche am Kopf der Beete gestapelt waren. Spannend war jeweils die Suche nach einer Werre (Maulwurfs-Grille) wenn wieder eine im Beet vermutet wurde. Mein Grossvater war jetzt über 60 und brauchte nach dem Landverkauf kein Einkommen mehr. Bald wurde auch der Hühnerhof hinter dem Waschhaus beim Bienenhaus aufgehoben. Das Hühnerhaus wurde zu einem Kaninchen-Stall umgebaut. Ausser den Bienen und Kaninchen waren auf dem Bauernhof jetzt nur die Katzen (einen Hund hatten wir nie). Immer viele Katzen, deren Anzahl auf die damals übliche Weise nicht Tierschutz gerecht reguliert wurde. Und da waren noch die Feldmäuse, denen der Grossvater nachstellte indem er Draht-Fallen in deren Gänge platzierte.

Im Schopf, das war ein Anbau vom Wohnhaus, stand eine imposante Most-Presse mit Riemen-Antrieb. Mit dem elektrisch betriebenen Warenlift wurden die Obst-Harassen ins Obergeschoss gebracht zur Lucke der Obstmühle. Von einem Elektromotor aus setzten breite Lederriemen über Holzräder die messerscharfen Klingen der Häcksel-Einrichtung in Betrieb. Das Obst wurde oben in den Häcksler geleert und die Schnitzel fielen in ein Rund aus dicken Latten wie in ein grosses, oben offenes Fass. Dann wurde ein Deckel aufgesetzt und das Getriebe von Häckseln auf Pressen umgestellt. Der Antrieb erfolgte nun über einen Spindel, welcher den Deckel nach unten drückte und das zerkleinerte Obst auspresste. Der goldfarbene Most sprudelte aus einem Rohr in den grossen Bottich neben der Presse. Ein unvergessenes Erlebnis, diesen noch schäumenden frisch gepressten Süss-Most zu trinken.

Vom Schopf führte eine Rampe aus dicken Holzbrettern in den Natur-Keller des Wohnhauses. Dort standen noch vier mannsgrosse Eichenfässer, die aber keine Verwendung mehr fanden. Der Most für den Eigenbedarf wurde in tragbare 25-Liter-Standflaschen abgefüllt. Der pasteurisierte blieb Süssmost, der andere vergärte zum Sure-Most. Press-Rückstand (Trester) wurde im Fass vergärt und später im Wasch-Haus mit der eigenen Brennerei zum Träsch verarbeitet. Der hochprozentige Schnaps (bis gegen 80%) wurde bei uns nie pur getrunken, sondern zur Aromatisierung von Kaffee verwendet.

Ebenfalls im Schopf war die Brennholz-Säge mit Schiebetisch. Unten auf drei Seiten geschlossen zum Auffangen vom Sägemehl. Im Herner wurde bis zuletzt mit Holz geheizt aus dem eigenen Hernerholz oben am Berg. Das Holz musste mit der Säge zugeschnitten und zuletzt mit dem Beil in ofengerechte Stücke gespalten werden. Nach dem Bau der Autobahn N3 1966 war der Wald auf noch etwa 50x120 Meter geschrumpft.

Aus diesem Umfeld heraus begann 1958 meine Schulzeit. Die selber nicht aktiv religiösen Eltern schickten mich trotzdem in die freiwillige reformierte Sonntag-Schule. Dort erzählte uns eine Frau von den Gleichnissen im christlichen Kontext. Der barmherzige Samariter, der verlorene Sohn und dergleichen mehr. Faszinierend fand ich die Kollekte: Beim Einwurf der obligaten zwanzig Rappen nickte das auf dem Kästchen montierte "Negerli" mit dem Kopf (Menschen mit schwarzer Hautfarbe wurden damals korrekt mit Neger bezeichnet).

Der Kindergarten Brunnenwiesli war in 550 Metern Distanz an der Einsiedlerstrasse, welche mit 30 Meter Höhenunterschied weiter oben über den steilen Hüsliweg erreichbar war. Im Kindergarten lernte ich (mit Mühe) die Schuhe binden. Die Laus-Tante untersuchte alle auf Kopfläuse. Meine Mutter musste mich einmal begleiten, weil ich Angst hatte zum Besuch, da mir auf halbem Weg im Stocker-Rank ein schon älterer Schüler auflauerte und mich drohend bedrängte. Nachdem sie diesen stellen konnte habe ich ihn nie mehr gesehen.

Der Weg zum Kindergarten führte bei einer Metzgerei an der Einsiedlerstrasse vorbei. Eines Tages hörte ich zusammen mit zwei anderen auf dem Heimweg aus dem Hinterhof lautes Gebrüll. Eine Kuh weigerte sich das Gebäude zu betreten. Wir kletterten im Durchgang hoch zu einem offenen Oberfenster und sahen, wie die Kuh drinnen nach dem Bolzenschuss wie vom Blitz getroffen umfiel, das Blut nach dem Schnitt am Hals über den Boden strömte. Dann wurde sie an den Hinterbeinen hochgezogen und mit Wasser abgespritzt. Dabei wurden wir entdeckt und mit einem Wasserstrahl verscheucht. Den Gestank oder besser den eigenartigen Geruch vom Schlacht-Raum habe ich noch heute in meiner Nase wenn ich daran denke. Jedenfalls habe ich seit Kindheit zum Essen lieber kein Fleisch. Essen kann ich zwar alles, aber ob es mir schmeckt kann ich erst sagen wenn ich das Fleisch gekostet habe. Heikel meinen einige, andere sagen kulinarischer Tief-Flieger, egal, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Zu Hause habe ich auch schon früh meinem Grossvater zusehen können wie er im grossen Wasch-Haus mit der Axt dem Huhn den Kopf abschlug oder dem Kaninchen den Kleinkaliber-Schuss setzte, an ein Brett hängte, aufschlitzte (die Innereien fielen in eine grosse Schaufel und wurden im Garten vergraben) und dann das Fell abzog.

Bedingt durch meinen Wohnort musste ich wegen neuer Klasseneinteilungen verschiedene Schulhäuser besuchen. Die 1. Klasse im Schulhaus Tannenbach (500 m Nordwest), die 2. und 3. Klasse im alten Dorfschulhaus (800 m Südost), die 4. Klasse in einem Pavillon-Provisorium beim Spital, die 5. und 6. Klasse wieder im Tannenbach. Die Sekundarschule dann im Berghalden-Schulhaus. Den Schulstoff lernte ich problemlos. Als geborener Minimalist hatte ich keine Bestnoten, aber immer so zwischen gut und genügend. Am ersten Schultag, als meine begleitende Mutter bereits wieder weg war, habe ich kurz traurig weinen müssen weil mich die Lehrerin beim verteilen der Bleistifte übersehen hatte. Sie bemerkte das Missgeschick aber sofort und alles war wieder gut. Warum ich im Zeugnis bis zur 6. Klassen im Betragen durchgehend ein befriedigend oder unbefriedigend hatte weiss ich bis heute nicht. Vor die Türe gestellt wurde ich auch mal in der 2., aber vorher noch eine Ohrfeige dazu erhielt ich nur ein einziges Mal in der 5. Klasse. Ich blieb dann nicht vor der Schulzimmertüre sondern ging nach Hause und weigerte mich, weiter zur Schule zu gehen. Erst als mein Vater mit dem Lehrer ein Gespräch geführt hatte (ohne mich) war ich wieder zum Schulbesuch bereit.

Selber zu lesen begann ich mit Sprechblasen zu Bildern. Zuerst Globi-Bücher, Tim und Struppi war gratis in Apotheken, Fix-und-Foxi-Heftli vom Kiosk (Micky-Maus mochte ich nicht). Das Heftli holte ich selber am Kiosk, die Gratis-Selbstbedienung mit von der Seite anschleichen, vom Aushang abhängen und nach hinten wegrennen funktionierte bloss ein einziges Mal, nachher war das Heft im Innern. So ab der 4. Klasse begann ich vermehrt zu lesen. Bebilderte Silva-Bücher und Hefte vom Jugend-Schriften-Werk (SJW). Tante Aline schenkte mir zur Wiënacht das Buch Winnetou von Karl May und dann jede Weihnacht einen Folge-Band. Ich las gern und viel, auch verbotenerweise nach Lichterlöschen unter der Bettdecke mit Taschenlampe. All die Jugendbücher wie die schwarzen Brüder, Onkel Toms Hütte, Kummerbuben, die rote Zora usw.

Zum Indianer spielen benutzten wir selber gemachte Pfeilbogen. Bäume waren vorhanden für den Marterpfahl. In der Senke vom damals noch nicht kanalisierten und eingedohlten Holzbach schloss ich echte Blut-Freundschaft mit einem Kameraden durch (leichtes) Ritzen der Handballen mit einem Sackmesser.

In der Nachbarschaft befanden sich ein Platten-Lager eines Gartenbau-Unternehmens und zwei Baracken, als Unterkunft für dessen italienischen Mitarbeiter. Zwischen den Platten kletterte ich mit Kameraden herum beim Räuber- und Polizei-Spiel. Ich hatte nach längerem Sehnen nun ebenfalls einen silbernen Chäpsli-Revolver aus Kunst-Stoff und konnte mich damit fühlen wie der berühmte Wyatt Earp im Wilden Westen in Amerika. Als ich mal alleine zwischen den Platten auf Erkundungstour war und zwischen ihnen hoch kletterte, löste sich das Abstand-Holzstück, fiel hinunter und die ganze Plattenreihe kippte gegen mich. Ich war eingeklemmt, zum Glück unterhalb vom Brustkorb, so konnte ich weiterhin atmen. Nach langem vergeblichen Rufen und Ausharren, es begann schon langsam zu dunkeln, hörte mich endlich ein heimkehrender Arbeiter und befreite mich aus meiner misslichen Lage.

Während dem Bau der Autobahn N3 Mitte der 60er-Jahre stiegen wir am schulfreien Mittwoch-Nachmittag jeweils hoch zur Baustelle und suchten nach herum liegenden leeren Bierflaschen der Bauarbeiter, welche wir dann bei einer Rücknahme-Stelle in Geld umwandeln konnten. Viele waren das nicht, aber für uns war jeder Rappen eben ein Rappen mehr.

Unter am See war ich oft, in der Boot-Haab stiegen wir unbeaufsichtigt ins tiefe Wasser noch bevor wir richtig schwimmen konnten. In der umzäunten Parkanlage nebenan befand sich ein Bootshaus, aufgehängt war eine alte Luxus-Jacht, die wir vom See her kommend entdeckten und drinnen staunend untersuchen konnten. Im Schwimm-Unterricht der Schule reihte ich mich zu Beginn gleich bei den Schwimmern ein obwohl ich erst den Hunde-Schwumm konnte. Richtig Brustschwimmen lernte ich aber schnell selber noch bevor das bemerkt wurde. Zum Baden ging Mutter schon früh mit uns in die Badeanstalt Seerose. Per Zufall sah ich wie meine zwei Jahre jüngere Schwester an der Ufermauer gerade den untersten Tritt einer Einstiegstreppe ins Wasser verliess und mehrmals verschwand und wieder auftauchte. Selber noch zu klein zum Eingreifen blieb mir nur das schreien und sie wurde aus dem Wasser geholt bevor sie ganz untertauchte. Bis ich mich den Kopfsprung vom Dreimeter-Sprungturm traute, habe ich erst jahrelang zugeschaut.

Bei der Haab haben wir auch gefischt. Ich hatte eine richtige Angler-Rute mit allem Zubehör. Gefangen haben wir selten mal ein Läugeli, dem wurde mit dem Daumen hinter dem Kopf gedrückt bis das Knacken spürbar war, die untere Seite aufgeschlitzt und die Innereien dem See zurückgegeben. Zu Hause wurden die Schuppen von mir geschabt und der Fisch von meiner Mutter speziell für mich gebraten.


Primarschule 5. und 6. Klasse im Tannenbach

In der 6. Klasse nahm mich ein Schulkamerad mit zu seiner Pfadfinder-Übung am Samstag-Nachmittag. Mir gefiel die Kameradschaft in der Gruppe, ich wurde angenommen und bald getauft, indem ich im Wald überfallmässig in einen Sack gesteckt und in eine Höhle verschleppt wurde. Dort wurde ich befreit und musste zur Aufnahme einen ekelhaft grausigen Saft trinken. Ich hiess nun Hecht in der Gruppe Elch im Stamm Troja. Von nun an galt das Motto: Allzeit Bereit! Jeden Tag eine gute Tat. Meine Eltern kauften mir die Ausrüstung, auf die ich mächtig stolz war: den Gurt mit Pfadfinder-Schnalle, Hemd, Halstuch mit dem Krawattenring aus Metall. Neugierig las ich in der Pfadfinder-Bibel und übte Schnur-Knoten nach den Zeichnungen. Im Sommer 1966 durfte ich an einem nur alle 14 Jahre stattfindenden Bundeslager teilnehmen (Domleschg/Bonaduz). Zum ersten Mal im Zelt und gleich eine Woche lang.

Mein Noten-Durchschnitt genügte zum Übertritt in die Sekundar-Schule. Für die 1.5 Kilometer lange Strecke mit 60 Meter Höhenunterschied zum Berghalden-Schulhaus durfte ich das Fahrrad meiner Mutter benutzen. Öffentlicher Nahverkehr mit Bus war damals unbekannt. Im nächsten Winter nahmen mich die Eltern eines Schulkameraden an einem Sonntag mit zum Skifahren in Einsiedeln. Ich hatte nur ein altes Ski-Paar ohne Sicherheits-Bindungen und war noch nie Ski fahren. Prompt blieb ich am Hügel hinter dem Kloster mit einem Spiralbruch am rechten Unterschenkel im Schatten liegen. Mit dem Rettungs-Schlitten und Ambulanz zum Arzt vor Ort für einen provisorischen Gips. Mein Vater holte mich ab mit seinem Auto, da ich die ganze Rückbank für mein Bein benötigte. Am nächsten Tag wurde das Bein definitiv gerichtet und das Ganze von den Zehen bis und mit Oberschenkel eingegipst. Dann musste ich drei Monate im Bett liegen bleiben bis ich einen Gehgips am Unterschenkel erhielt. Eine Schul-Kollegin brachte mir den aktuellen Schulstoff jeweils nach Hause zum Lernen. Im nächsten Sommer im Pfadi-Lager am Aegerisee verfehlte ein Kamerad den Ball beim Fussball-Spiel mit Wander-Schuhen und traf exakt meinen geschwächten Unterschenkel. Der Knochen war zum Glück nur angerissen, aber weitere drei Monate Gehgips standen bevor. Seither habe ich bis zum heutigen Tag keinen Sport mehr betrieben mit Ausnahme einer Vita-Parcours-Phase anfangs der 90er-Jahre wegen einer Diskushernie am Lendenwirbel. Dem Knochengerüst mit seinen Gelenken hat die sportliche Inaktivität durchaus nicht geschadet, wenn ich heute mit anderen vergleiche.

Ein Projekt Schülerzeitung wurde gestartet und der Hauptlehrer berief mich zum Chef-Redaktor. Vermutlich weil ich im Deutsch schriftlich manche Bestnote hatte. In dieser Zeit mit und beim selber Schreiben begann bei mir die Selbst-Reflektion, wer bin ich und ihr Zusammenhang mit dem politischen und dem kulturell sozialen.


9. Schuljahr Sekundarschule Berghalden 1969

Die früheren kameradschaftlichen Zweier-Beziehungen haben sich in der 8. Klasse erweitert zu je für sich verschworenen Gruppen. Wir trafen uns in der Freizeit bei jenen, welche bereits einen Schallplatten-Spieler besassen und hörten die neu aufkommende Beat-Musik der Pop-Kultur, die bei manchen Eltern als unerträglicher Lärm verpönt war. Gemeinsam begann das Denken. Was denn nichts sein könnte wenn nichts ja nicht ist und dergleichen mehr. Bei Abwesenheit von Eltern wurde in der sturmfreien Wohnung im Halbdunkel am Boden sitzend oder liegend zu psychedelischer Musik geträumt, auch mal angeregt mit dem Duft vom Klebstoff aus Revell-Modellbausätzen. Alkohol liessen wir nach einer erstmaligen Untersuchung in Ruhe, die vielen verschieden Flaschen in der Hausbar führten rasch zum Abbruch der Übung. Geraucht hat niemand, während der gesamten Schulzeit und auch im ganzen Schulhaus nicht. Der Erstkontakt mit Tabak fand damals traditionsgemäss am Schul-Silvester bereits in der Primarschule statt, aber nur zur Befriedigung der Neugier wie das schmecken würde.

Nebst der Schule begannen im letzten 9. Schuljahr zusätzlich der Konfirmanden-Unterricht im Kirchgemeinde-Haus und der obligatorische Kirchenbesuch am Sonntag. In der Kirche waren die vordersten Reihen für die Konfirmanden reserviert und wurden während dem ganzen Gottesdienst vom streng auf Ruhe und Ordnung bedachten Kirchen-Sigrist überwacht. Diesem mussten wir jeweils einen Coupon mit Namen aus unserem Kontroll-Block abgeben. Die Vermittlung der reinen Lehre erzeugte bei mir einen Gegensatz zur tatsächlichen Information. In Vietnam bombardierten christliche Amerikaner eine unschuldige Zivil-Bevölkerung mit Napalm-Bomben. Da konnte etwas nicht stimmen. Zu Hause schrieb ich in meinem Zimmer gross das gelernte gemeinsame Gebet "Unser Vater" an die Wand und illustrierte die Satzteile mit entsprechenden Farb-Bildern vom Vietnam-Krieg aus Zeitschriften. Unser tägliches Brot gib uns heute - mit B-52 Bombern? Ich wollte aus diesem Verein aussteigen, konnte das aber erst nach der Konfirmation, weil damals die religiöse Selbst-Bestimmung erst ab 16 Jahren möglich war.

Während der Schulferien verdiente ich mit Hilfsarbeit mein erstes Geld bei einer der angebotenen Ferienstellen für Schüler in einer Buchbinderei in Zürich. Als die Frage aufkam, was ich nach der Schule einmal werden möchte, hatte ich irgendwie keine Ahnung davon, was mit dieser Frage überhaupt angesprochen würde. In meinem erwachsenen Umfeld überwog die Meinung, ich sollte Lehrer werden. Noch weiter in eine noch höhere Schule wollte ich aber nicht. Also Berufsberatung, wo meine Tests den Berater zum Ergebnis führten, der Beruf als Schriftsetzer wäre für mich geeignet. Zum Glück war mein Vater anderer Ansicht. Tatsächlich wurde das Buchdruck-Verfahren schon ein paar Jahre später vom Offset-Druck abgelöst und die Schriftsetzer dadurch überflüssig. Vater hat mir letztendlich eine kaufmännische Lehrstelle in einem Fachzeitschriften-Verlag in Zürich besorgt durch Vermittlung seines Bruders, welcher in Zürich den Dreispitz-Zeitung-Verlag gegründet hat und führte.