Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Nachwort

Was können andere vielleicht aus meiner Lebensgeschichte lernen?

Wie im Vorwort beschrieben gehöre ich zur Minderheit jener etwa 6% aller Menschen, welche von Geburt an unbemerkt doppelt sehen ohne zu schielen und dadurch ihre Umwelt anders sehen müssen wie die normale Mehrheit. Durch das selber nicht bemerkbare und auch nicht störende Fehlen vom unmittelbar wirkenden, dreidimensionalen Raum-Bild entsteht im Kopf eine andere Gefühls- und Gedanken-Welt ohne Ablenkung.

Wenn auch in jungen Jahren Freitod oder psychiatrische Klinik lauerten im Hintergrund, mit Glück konnte ich die mir nicht bewusste Abweichung von der Norm beim führenden Lichtsinn und den vermutlich dadurch entstehenden Zwang zum lebenslänglich selber-denken meistern. Anstrengend und mühsam zwar, sich die Welt selber erklären zu müssen, aber letztlich dennoch befriedigend, hinterher betrachtet.

Vielleicht kann mein gedankliches aus mir herauskommen, (engl. coming out), verbunden mit meiner Lebensgeschichte dazu beitragen, Verständnis für Minderheit von anders Sehenden und selber Denkenden zu fördern und aktuell Betroffene mit eigener Gedankenwelt in ihrem Alleingang stützen.

Zum Gedenken der ausweglosen Ohnmacht: Wie oft hat er sich doch gewünscht, er könnte das auch, sich mit allem was ist zu arrangieren und daraus genüsslich seinen persönlichen Nutzen ziehen. In anhaltender Zufriedenheit schwelgend die Sinn- und Zielkonflikte einfach vor sich her schieben, bis sie allein altershalber von selbst bedeutungslos würden. Man könnte das sogar für teures Geld üben, Schulungskurse mit irgendwelchen erfundenen Namen belegen, lernen durchzuatmen und langsam zählen, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, und alles ist gut. Es wäre vielleicht so einfach gewesen. Er hätte sich als junger Mann ganz normal an eine gut bezahlte Aufgabe verkaufen sollen, sich selber fordern und ablenken können, das menschliche Unvermögen seiner Mitmenschen, die Gerechtigkeit und die Ehrlichkeit betreffend, still in sich hinein fressend, wo ist das Problem, das müssen und können schliesslich alle anderen auch. Und die paar wenigen, die das nicht können, von denen wird gesagt, sie sind selber schuld, die seien eben nicht lebensfähig. Selten genug verbleibt von deren gedanklichem Todeskampf noch eine Hinterlassenschaft.

Als gesund gilt in dieser Kultur der Wertvermehrung vor Allen, wer durch reibungsloses Funktionieren in den vorhandenen Strukturen zu Geld und Kapital kommt, was unabhängig der Menge als persönlicher Erfolg verstanden wird, der wiederum verpflichtet. Zum guten Ton gehört deshalb, möglichst keine Gewissens- und Glaubensfragen zu stellen. Das zeitaufwändige Nachdenken über Zusammenhänge in weitestem Sinne hat, so gesehen, etwas anrüchiges, ja fast unmoralisches.

Wir Menschen existieren eben, ja und. Leben und leben lassen und sterben, was soll's. Bis ins hohe Alter von hundert und mehr Jahren darf mit wachem Geist, was immer das sein mag, am täglichen Geschehen teilgehabt werden, gegen Bezahlung selbstverständlich. Abweichungen von einem demokratischen Idealzustand bilden die Inhalte, was zum unbegründeten Glauben verleiten kann, es komme, was auch kommen möge, schon richtig?