Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Pubertät und Lehrzeit

In die Pubertät genannte Lebens-Phase bin ich ohne Vorwarnung unbewusst hinein gewachsen. Schon seit dem versteckt Doktor spielen im Alter vom Kindergarten wussten wir von den Unterschieden zwischen Knaben und Mädchen. Das Zusammen-Spiel der Geschlechter jedoch war noch Mitte der 60er-Jahre weitgehend ein Tabu-Thema, darüber wurde nicht geredet. Ins Kino kamen die ersten Erotik-Filme erst in den Siebzigern. Vater hatte mich zwar nach Einsetzen vom Stimmbruch zu Tisch genommen, ausdrücklich allein, wollte mich aufklären. Was seine Erklärungen mit Einbezug der Tierwelt allerdings mit mir und meiner Person zu tun haben sollten, das verstand ich vermutlich nicht und das interessierte mich auch (noch) nicht.

Die hormonell bedingte Änderung meiner Gefühle spürte ich erstmals mit zwölf Jahren bei einem längeren Blick-Kontakt mit Rita. Die 11-jährige, nicht blutsverwandte Cousine war zusammen mit ihrer jüngeren Schwester bei uns Feriengast. Rita war mir sympathisch, sie gefiel mir. Ihr schönes Gesicht, beeinflusst vom Vater iranischer Abstammung, hatte eine bezaubernde Wirkung auf mich. Wir spielten zusammen, sassen herum, blödelten, redeten oder schwiegen uns einfach gegenseitig an. In einer solchen Pause, als wir uns tief in die Augen schauten, erfasste mich urplötzlich eine wohltuende Wallung. Ich hatte keine Ahnung was das war, aber nachher mochte ich Rita noch lieber, inniger. Sie musste dann nach den Ferien wieder zurück nach Zürich und ich verblieb in Horgen.

Im gleichen Jahr in einer Schul-Turnstunde machte ich die nächste Erfahrung. An der Kletterstange, zuoberst auf beinahe fünf Meter, musste ich mich verkrampfend festhalten, weil ein unbekanntes, aber wunderschönes Gefühl meinen Körper erfasst hatte. Wieder unten, blickte mein Lehrer einen kurzen Moment länger wie nötig auf meine Turnhose. Ich sah den Fleck auf meiner hellblauen Hose dann ebenfalls und errötete verlegen. Zu Hause ging ich dieser Sache auf den Grund indem ich an der Teppich-Klopf-Stange die Kletterstange nachahmte. Da wurde mir klar was da passiere und danach war dieses Gefühl auf Abruf bereit durch blosses Hand anlegen, machte aber vorerst mal öfters Pause, weil willentlich noch keinerlei Trieb im Geschlecht vorhanden war.

Sozusagen wachgeküsst wurde ich erst Jahre später an einem von Schülerinnen organisierten Treff (Party) in einem Klublokal. Während wir uns durcheinander zur Musik bewegten, löschte plötzlich das Licht und, vorher abgekartet und zugeteilt, erlebte ich meinen ersten Zungenkuss. Wieder Licht war dasselbe Durcheinander wie vorher und wir wussten nicht, welches Mädchen wen geküsst hatte. Auf den Geschmack gekommen wünschte ich mir eine Freundin und so fragte ich, meine Hemmungen überwindend, telefonisch eine mir passende Schulkollegin aus einer anderen Klasse an für ein Treffen, wo mich diese aber gleich nach der Begrüssung enttäuscht wieder nach Hause entliess, weil ich noch zu jung wäre für sie. Nach diesem Korb war mein Interesse generell dahin und ich vermied fortan jede weitere Ablehnung vom weiblichen Geschlecht.

Nebst Vietnam-Krieg und Welt-Hunger wurden die Studentenunruhen und 1968 die Jugend-Bewegung (Globus-Krawall in Zürich) zum Thema unserer Diskussionen. Warum ich von einigen scherzhaft mit Rudi Dutschke, einem deutschen Studentenführer, verglichen wurde entzieht sich meiner Kenntnis, hatte ich doch schon damals wie heute keinerlei Sendungs-Bewusstsein. Was mich stets voran trug war meine Neugier, die Dinge grundsätzlich verstehen zu wollen. Ich las die klassischen Sagen des Altertums von Schwab, den Abriss der Psycho-Analyse von Freud, die Psychologie der Massen von Le Bon, Nietzsche und dergleichen mehr. Mit dem modischen roten Büchlein vom chinesischen Mao oder dem Gehabe um den kubanischen Che Guevara konnte ich nichts anfangen.

Musikalisch geweckt wurde ich durch den Raumklang einer Stereo-Anlage in einer Bar, welche wir morgens an einem Schulsilvester durchquerten. Das nur kurze Mithören des Welt-Hits "Monday, Monday" (1966), dieses bisher unbekannte Fühlen von Musik hatte mich nachhaltig ergriffen. Bald hörte ich, wie andere Schulkameraden schon vor mir, Beat-Musik in meinem Zimmer von Schallplatten. Hauptsächlich jene der Rolling Stones, die Beatles mochte ich weniger. Zum Hören meiner bevorzugten Titel legte ich mich auf den Rücken, die Ohren zwischen die Lautsprecher und bewegte den Kopf im Takt von links nach rechts, oft bis fast zur Erschöpfung.

Kurz nach meiner Konfirmation, zu welcher ich meinen ersten und letzten Mass-Anzug trug, mit Vater in Zürich ausgesucht in einem edlen Geschäft für Herren-Bekleidung, erreichte ich mit 16 Jahren die Religions-Mündigkeit und suchte das Gespräch mit meinem Pfarrer. Zur Schallplatten-Musik vom deutschen Liedermacher Reinhard Mey führten wir einen vertiefenden Austausch unserer Meinungen über Gott und die Welt. Dabei blieb ich so schlau wie vorher und erklärte danach schriftlich meinen Austritt aus der reformierten Landeskirche. Im Jahr 1969 ein ausserordentlicher Vorfall, gleich nach der Bestätigung auszutreten, zu dem ein Mitglied der Kirchenpflege eine Erklärung von mir verlangte. Die Fragen zielten dann aber offensichtlich dahin, dem bei seinen Schülern sehr beliebten jungen Pfarrer einen Strick drehen zu können mit meinem Austritt.

Mit der Lehre in Zürich als kaufmännischer Angestellter (KVZ) lernte ich auch eine andere Welt kennen, die Stadt. Mit der Bahn musste ich zum Bahnhof Enge fahren und von dort zu Fuss einen Kilometer zur Lehrstelle durch den 250 Meter langen Ulmberg-Personen-Tunnel mit seiner matten Beleuchtung. Zu Beginn kam ich zum Mittagessen nach Hause und fuhr die 20-minütige Bahn-Strecke viermal täglich. Schon bald reizte mich aber mehr, über Mittag in der Stadt herum zu streifen oder an der Riviera genannten flachen Steintreppe am Limmat-Ufer beim Bellevue zu sitzen, inmitten einer damals dort ansässigen Szene. Als regelmässiger Mitläufer kam ich als Bekannter auch in Kontakt mit den Haschisch-Joints, falls diese in einer Runde weiter gegeben wurden. Wenn die letzte Bahn nach Hause bereits weg war, machte ich stadtauswärts Autostopp. Dabei erfolgte auch mein allererster Kontakt, aber mit Männern, wenn beispielsweise beim Schalten so per excuse eine Hand an meinen Oberschenkel glitt. Das gleiche Geschlecht hat mich nie gereizt, aber gegen ein erregt passiv im Beifahrer-Sitz verharren hatte ich als stiller Geniesser keine Einwände.

Die nächsten Sommerferien trampte ich (Autostopp, per Anhalter reisen) allein und ohne etwas, unvorbereitet nach Frankfurt am Main zur Hasch-Wiese hinter dem Hotel Hilton, 1.5 Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, um dort am Geheim-Tipp ein Stück gepresstes Haschisch zu kaufen. Bald hatte ich mein Ziel erreicht, schwarzen Afghan, war jetzt aber völlig mittellos. Durch Vermittlung der schweizerischen Botschaft, wo ich mich meldete, konnte ich auf dem Hauptpostamt eine postlagernde Geld-Überweisung von meinem Vater abholen und per Bahn zurückreisen. Zum kontrollierten Grenz-Übertritt versteckte ich die kostbare Fracht im WC-Abteil hinter einer Abdeckung damit ich im Fall der Fälle nichts damit zu tun hätte.

Das Bahn-Monat-Abonnement nach Zürich hatte ich nun 1. Klasse, fuhr mit meinen langen Haaren im gepolsterten Sessel der roten Raucher-Abteile, die missbilligenden Blicke der alten Geschäfts-Männer mit Zigarre geradezu provozierend. Meine Eltern machten sich offenbar zunehmend Sorgen wegen meiner Veränderungen. Abends war ich oft nicht mehr zu Hause, sporadisch gar die ganze Nacht über weg. Eines Tages nahm mich Vater mit nach Zürich ohne mir sagen zu wollen wohin dort. So sass ich ohne Vorbereitung plötzlich an einem Schreibtisch der Kriminalpolizei und Vater zeigte dem Beamten als Beweismittel die von ihm in meinem Zimmer gefundenen Krümel. Der Polizist schnupperte begutachtend und meinte, jawohl, das sei Haschisch, eine verbotene Droge. Dann wurde protokolliert, gefragt, von wem erhalten, wo und mit wem ich Kontakt hatte, als ob ich von jemandem mehr als den Vornamen gewusst hätte. Auf die Eröffnung eines Verfahrens wurde verzichtet, der Polizist verwarnte mich lediglich mündlich, wenn ich weiter mit Drogen zu tun hätte, gehe es das nächste Mal nicht mehr so glimpflich ab.

Ohnehin waren mir inzwischen Bier und Wein lieber. Dazu rauchte ich gewöhnliche Zigaretten, Française ohne Filter. Vor allem im altehrwürdigen Odeon am Bellevue mit den Sesseln in den Nischen liess sich bei einem Glas Wein trefflich über Sinn und Zweck vom eigenen Dasein sinnieren oder in einer der aufgelegten Zeitungen lesen. Interessiert suchte und las ich jeweils die neue Ausgabe der Untergrund-Zeitung Hotcha!, doch auch mit den surrealistischen Bildern von H.R. Giger dort konnte ich nicht weiterdenken. Durch meine freiwillige religiöse Exkommunikation mit dem Kirchen-Austritt aus dem Denkmuster der eingebildeten Dualität (im Namen des Allmächtigen, ja oder nein) verlor ich unbewusst auch die für mich notwendige Voraussetzung einer Grund-Annahme im Denken. Von diesem fortan zwingenden Sachverhalt, den Glauben durch Denken zu ersetzen, war ich aber erst mal vom Alter her überfordert, habe auch darüber nachgedacht, wie ich mich selber umbringen würde, wenn ich nicht mehr weiter wüsste. In einem Rausch-Zustand schrieb ich unter dem Titel "Nicht Gott erschuf den Menschen, der Mensch schuf Gott", ich würde mich nicht gleich selber umbringen, sondern von nun an ganz, ganz langsam, jeden Tag ein kleines bisschen mit meinen Drogen. Damit war ich unbemerkt im richtigen Leben, welches ohnehin mit jedem kommenden Tag ein Stück näher zum unausweichlichen Tod hinführt.

Mein Selbst entdeckte ich durch einen vergessenen, unbemerkten LSD-Trip. Nach dem Schlucken eines mit der Substanz getropften Filzchens allein in meinem Zimmer wurde ich zur selben Zeit nach unten gerufen zum Abendessen und vergass die Einnahme. Erwacht bin ich fünf Stunden später um zwei Uhr morgens, weinend vor dem Spiegel an der Schranktüre stehend mit mir selber sprechend. Dieses Gefühl, aus dem Nichts plötzlich im Hier und Jetzt mich selber zu sein, diese Erfahrung blieb mir in der Erinnerung bis heute erhalten.

Ich mag keine Fragen mehr stellen,
seit 1970 wird auch ohne Tränen geweint,
endlos, stumm und unbemerkt.
Absolut nüchtern ein Gefühl von trunkenem Elend.
Die Scheibe aus lauterem Nichts.
Keinerlei Spiegelung.
Nur noch glauben, im Wissen zu meinen.
Denken müssen ohne Gedanken.
Scheusslich.
Allein,
Tränen und Verzweiflung vermögen kein Andenken der Besinnung.

Die strafbewehrten Verfehlungen und Vergehen während meiner Pubertät seien hier dem Vergessen anheimgestellt. Ich hatte stets, wie gesagt wird, ein Chrotten-Haar in der Tasche, wurde nicht gestellt und zur Verantwortung gezogen. So hat letztlich vermutlich auch eine grosse Portion vom Glück über meine weitere Entwicklung entschieden.

Unterwegs war ich fast immer alleine. So setzte ich mich an einem frühen Abend an einen kleinen Zweier-Tisch im hinteren Teil vom Restaurant Turm. Auch diese Kneipe wurde gerne von der Szene besucht. Da ich meinen ganzen Nachdenk-Abend hier verbringen wollte, bestellte ich für mich allein einen Liter offenen Weiss-Wein. Süss und nicht gekühlt wie ich diesen gerne mochte. Meine jungen siebzehn Jahre waren mir nicht mehr anzusehen, ich trug die Haare wie ein Hippie bis auf die Schultern fallend, die Augenlidschatten schwarz nachgezogen mit einem Stift der Schwester und wurde anstandslos bedient wie ein Erwachsener (das war damals noch 20-jährig). An diesem Abend genoss ich bereits die Wirkung eines guten halben Liters, als sich eine junge Frau ohne nachfragen zu mir an den Tisch setzte und mich ansprach. Sie sei die Maja und wie ich denn hiesse. Sie hätte mich beobachtet und wolle mit mir mit-trinken, sie finde, ein ganzer Liter Wein könnte ein wenig zu viel sein für mich alleine, wie jung ich eigentlich wäre, sie sei einundzwanzig. Wir redeten stundenlang, bestellten wieder Wein. Bis gegen Mitternacht hatte dann Maja viel getrunken und erschrak, weil keine Bahn mehr fuhr an ihren Wohnort im Zürcher Oberland. Sie könne bei mir schlafen, meinen Zug würden wir noch erreichen. Unterwegs, im fast leeren letzten Bahnwagen kuschelten wir im Abteil zusammen und küssten uns die ganze Reisestrecke von zwanzig Minuten. Zu Hause alles dunkel, wir möglichst ohne Geräusch nach zuoberst, auf den Holztreppen gar nicht so einfach. Wir zogen uns gleich beide aus und machten mit den Umarmungen im Bett weiter.

Nachher fragte Maja:
"War es schön, Rolf? Gib zu, das war dein erstes Mal."
"Ja das stimmt, warum weisst du das?"
"Weil ich dir am Anfang helfen konnte. Du bist so süss. Hast du schon eine Freundin?"
"Nein, ich hatte noch nie eine Freundin."
"Ich bin so glücklich, deine erste Frau gewesen zu sein, ich liebe dich."
Ich wurde verlegen und schwieg.

Maja war mir sympathisch, ich mochte sie, ja, aber ich liebte sie nicht, warum auch. Frühmorgens konnten wir unbemerkt das Haus verlassen über die Treppe der Wohnungen nebenan. Ich brachte Maja zum Bahnhof und hatte Zeit, kurz nochmals zu Hause vorbei zuschauen, ehe ich wieder nach Zürich an meine Lehrstelle fuhr. Das nächste Wochenende verbrachte ich im Zimmer von Maja. Sie war unersättlich begierig, hat ihrem unerfahrenen Rolf beigebracht, was Spass an der Freude ist. Doch eine richtige, gegenseitige Liebe entstand nicht. Maja war eine Erwachsene, ein Schatz von einer Frau, lieb, herzlich, doch ich war noch kein Mann. Sie suchte eine dermassen Besitz ergreifende Anlehnung, die ich ihr gar nicht geben konnte und gleichzeitig übernahm sie zusehends das Kommando, etwa was meinen Alkoholkonsum betraf. Es ging nicht lange gut, als ich nicht mehr konnte und wollte, sagte ich ihr dies ehrlich. Ihre schluchzende Enttäuschung tat mir noch lange weh, vielleicht als sie ihre Tränen schon längst getrocknet hatte.

In den Sommerferien des gleichen Jahres traf ich mit Karin meine erste grosse Liebe. Zusammen mit zwei ehemaligen Schulkameraden waren wir zu dritt mit einem einfachen Giebel-Zelt ohne Boden auf einer noch zur Schulzeit vereinbarten Halbstarken-Tour. Meine langen Haare waren inzwischen einem üblichen Stufen-Schnitt gewichen. Auf dem Camping-Platz mitten in Genf an erhöhter Lage fanden wir einen uns zusagenden Ort, nicht weit von und zu den Bistros und Bars. Ein Nachbarzelt gehörte zu einer sechsköpfigen Familie aus Zürich, welche hier gestrandet war, weil ihr Auto auf dem Weg nach Spanien notfallmässig in die Werkstatt musste. Wir lagen vor unserem Zelt beim blödeln und Bier trinken, als sich drüben ein hübsches Mädchen vor dem grossen Hauszelt gemütlich einrichtete und in farbigen Illustrierten las. Über kurz oder lang tauchte die Frage auf, wer von uns wohl den Mut hätte, das schöne, stolze Mädchen, das manchmal verstohlen zu uns herüber blickte, anzusprechen und her zu holen. Irgendwann hatte ich genug vom schwafelnden Hin und Her, stand auf und ging hinüber, etwas unsicher, setzte mich neben sie ins Gras und begann mit ihr zu sprechen. Karin willigte ein, sich mit mir zu meinen beiden Kumpanen zu begeben. Aber ich hatte nicht nur eine Wette gewonnen. Am nächsten Tag mussten meine Kameraden ohne mich auskommen, ich wollte mit Karin im nahen Wald spazieren. Unvergessen, die zitternd bebende Annäherung zum ersten Kuss auf dem warmen Waldboden im Unterholz, dessen helles Grün, von einfallenden Sonnen-Strahlen durchdrungen, eine zarte Intimität schuf für ihren zierlichen Körper, dessen Anblick allein schon meinen Atem rauben konnte. Karin war fünfzehn. Eine wunderschöne Jugend-Liebe nahm ihren Anfang, sie dauerte, nach den Ferien und wieder in Zürich, fast vier Jahre lang. Wir sahen uns oft, das heisst, mein Heimweg führte nun zuerst über ihren Wohnort in Zürich. Karin ging noch zur Schule, war im Schutz-Alter und hatte abends keinen Ausgang. Nur am Samstag durfte ich mit ihr zum Tanz im Zürcher Jugendhaus, dem Drahtschmidli. Aber uns genügte die Zweisamkeit verbunden mit Zärtlichkeiten bis Karin nächstes Frühjahr sechzehn wurde und vom Frauenarzt die Antibaby-Pille bewilligt bekam.

Karin hatte eine Schwester und zwei Brüder. In ihrem grossen Wohnzimmer waren an der einen Wand zwei dreiplätzige Ledersofas nebeneinander mit einem Tischchen dazwischen. Die Haupt-Beschäftigung war Unterhaltung am Bildschirm. Bei einem Besuch fragte die Mutter, ob ich in ihrem Schlafzimmer gewesen sei, ihnen wäre das Feriengeld dort im Schrank abhanden gekommen. Erschreckend verneinte ich und beteuerte, noch nie hatte ich dieses Zimmer betreten. Ein paar Wochen später die erlösende Entwarnung. Die Polizei konnte einem gefassten Serien-Täter den Einsteige-Diebstahl zuordnen und nachweisen. Der Profi war durch das offene Fenster im Erdgeschoss gestiegen und hatte das Zimmer untersucht, während wir alle nebenan einen Strassenfeger-TV-Film von Durbridge schauten. Trotzdem, der Verdacht, allein schon der Gedanke, hatte mich verletzt.

Die Familie von Karin fuhr jeden Sommer mit dem Auto ans Mittelmeer zum Camping-Urlaub. Ihr Hauszelt wurde durch einen Wohnwagen ersetzt. Ich durfte meine Freundin begleiten und kaufte ein Zweier-Doppeldach-Giebel-Zelt mit angenähtem Boden. Wir fuhren mit der Bahn bis Venedig und wurden dort vom Vater mit dem Auto abgeholt. So kam ich mit siebzehn zum ersten Mal am Meer in Lido di Jesolo an den Sandstrand und lernte die mehrere Kilometer lange Ladenstrasse kennen. Im nächsten Jahr war Rovinj im ehemaligen Jugoslawien auf dem Programm, die Bahnreise ab Triest mit einer Dampf-Lokomotive, an der Grenze musste der Reisepass abgestempelt werden. Kein Sand, zerklüfteter spitzer Stein im Wasser und Quallen. Das Jahr darauf nach Castelldefels bei Barcelona fuhren wir dann mit meinem eigenen Auto, einem VW-Käfer, in die abgelegene Anlage El Toro Bravo. Wie immer kochte die Mutter das Abendessen mit der Camping-Ausrüstung, nach dem Essen regelmässig der Knatsch um den Abwasch in der sanitären Anlage und lautstarke Beschwerden der Mutter. Die beim Camping selber kochenden haben keine richtigen Ferien.

Die Arbeit an meiner Lehrstelle, einem Fachzeitschriften-Verlag, erforderte im Grunde genommen nur beschränkt kaufmännische Kenntnisse. Die für mich und einen weiteren Auszubildenden zuständige Lehrling-Beauftragte war ein lediges Fräulein jenseits der Menopause, welche mich keine Sympathie ihrerseits verspüren liess. Die zu bewältigenden Aufgaben in der Anzeigen-Disposition waren rasch erlernt, Gut-zum-Druck einholen, Beleg-Exemplar versenden, Rechnung nach Tarif und dergleichen mehr. Bald war der interessanteste Teil die Mithilfe in der Post-Spedition bei den Männern mit ihrem Witz und anzüglichen Bemerkungen den Frauen gegenüber. In der Druckerei, die wurde gerade auf Offset und Vierfarben-Druck umgestellt, war für mich nichts zu lernen. In der Buchhaltung, von meiner Bestnote im Zeugnis her eigentlich das ideale Einsatz-Gebiet, auch nicht, weil dort der Buchhalter noch mit grossen aufklappbaren Büchern im Handbetrieb arbeitete, während wir in der Handelsschule im Durchschreibe-Verfahren lernten. Das Manko im Betrieb wurde aufgewogen durch die wöchentlichen zwei Tage lehrreichen Schul-Besuch.

Im dritten Lehrjahr bekam ich einen eigenen Schreibtisch im Büro eines Aussendienst-Mitarbeiters der Inserate-Werbung, welcher mehrheitlich zwecks Kunden-Besuch unterwegs war. So war ich beinahe immer allein im Büro und hatte wenig bis nichts zu tun. Mein Entschluss, die Lehre drei Monate vor Abschluss abzubrechen, stiess rundum auf Unverständnis, jedoch alles gute Zureden war nutzlos, ich wollte einfach nicht mehr und stieg aus. Der aktuelle Spruch, "Wir leben nicht für die Arbeit, wir arbeiten zum leben", hatte seine Wirkung entfaltet. Die Arbeitslosigkeit lag anfangs Siebziger seit Jahren bei null, eine bezahlte Arbeit zu finden war kein Problem. Ich liess mich von der Manpower temporär vermitteln und habe dadurch verschiedene Branchen und unterschiedliche Betriebe kennen gelernt.


1972

Nach Aufgabe der Lehrstelle wurde eine Bar im Kreis 4 in Zürich, oder besser der Alkohol in Form von Bier, zu meiner zweiten Heimat. Die Beziehung mit meiner Freundin war belastet und begann zu bröckeln. Mein VW-Käfer wurde nach einer Streifkollision nicht mehr repariert und war weg, meine Fahrbewilligung ebenfalls wegen 1,1 Promille Alkohol im Blut. Nach sechs Monaten durfte ich mich für eine neue, zweite Führerschein-Prüfung anmelden. Für meine Verteidigung vor dem Bezirksgericht wegen dem strittigen Unfall hat Vater eine Rechtsanwalt-Kapazität in Zürich bezahlt.

Im August 1972 musste ich mich der militärischen Aushebung stellen und wurde als Minenwerfer-Kanonier der Gebirgs-Infanterie zugeteilt. Beginn der 4-monatigen Rekrutenschule (RS) war auf Februar nächsten Jahres (1973) angesetzt. Obschon mir die IdK, die Internationale der Kriegsdienstgegner, sympathisch war und ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, den Militärdienst zu verweigern, liess ich mich von meinem Vater an den Einrückungsort fahren, zur Kaserne Wil bei Stans in der Zentralschweiz.

Die Truppen-Unterkunft war ein Neubau, vor zwei Jahren 1971 erstmals bezogen. Als einziger Eingerückter mit kaufmännischer Ausbildung musste ich gleich nach dem Zimmer-Bezug für das Schulbüro an die Schreib-Maschine und die Kartei-Karten für die medizinische Eintritts-Musterung aller rund hundert Rekruten in meiner 4. Kompagnie erstellen. Von Beginn an wurde ich als einzige Büro-Ordonnanz dem Fourier im Kommando-Posten zugeteilt und musste nie an der Soldaten-Ausbildung teilnehmen, bis nach drei Monaten der Schulkommandant dem Fourier androhte, er werde mich als nicht aus-exerziert entlassen wenn ich nicht sofort auch mit den Anderen ausrücken und an der Ausbildung teilnehmen würde.

So lernte ich doch wenigstens noch die militärischen Umgangsformen kennen und konnte ein Sturmgewehr 57 zerlegen, putzen und wieder zusammen setzen. Im Hochgebirge konnte ich das Überleben im Schnee üben durch Bauen von Schnee-Biwak, erlebte die einsame Nacht-Wache zu Zweit mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt bei der Kontrolle der in den Biwak brennenden Kerze, womit der Sauerstoffgehalt der Luft überwacht wird.

Nach der RS arbeitete ich wieder temporär, diesmal als Sachbearbeiter in einer kleinen Zürcher Privatbank mit rund 22 Angestellten (inkl. 3 Lehrlingen). Aufgrund meiner guten Leistungen sollte ich bleiben, wurde für 800 Franken vom Vermittler Manpower ausgelöst und definitiv angestellt. Zuerst als Kassier und Stellvertreter des Leiters der Zahlungs-Abteilung, mit Einzel-Unterschrift-Berechtigung bis 25'000 Franken. Auf meinen Wunsch hin nach Erweiterung der praktischen Kenntnisse arbeitete ich später in der Dokumentar-Abteilung, zuständig für die Abwicklung vom Wechsel-Geschäft, der Import- und Export-Inkassi sowie die Eröffnung und Negoziierung von Dokumentar-Akkreditiven.

Anzug mit Krawatte war jetzt meine tägliche Arbeit-Kleidung. Am Kassa-Schalter der Privatbank war wenig Kundschaft, und wenn, dann oft englisch sprechende Männer mit Bar-Einzahlungen von Dollar auf ein anonymes Nummer-Konto. Eine Zählmaschine hatte ich keine, so musste ich von Hand die Noten zählen bis beinahe die Finger verkrampften. Wir arbeiteten in Gleit-Zeit, zwischen 9 und 16 Uhr war Pflicht bei einer Stunde Mittagessen ausserhalb und je eine Viertelstunde im Kaffee-Pausen-Raum vor- und nachmittags. Die Kontrolle der Soll-Zeit erfolgte elektronisch mit einem persönlichen Einsteck-Kärtchen. Die Büros befanden sich im 1. Obergeschoss. Der Schalter-Raum mit fünf Arbeitsplätzen, viele Fenster und helles Tageslicht, ein breiter und offener Edelholz-Korpus quer durch den ganzen Raum, innen auf der gesamten Länge versehen mit einer Fuss-Kontakt-Schiene für den stillen Überfall-Alarm, welcher im Nebenraum bei der Türe blinkend angezeigt wurde und dort bei Fehlalarm innert zehn Sekunden verhindert werden konnte. Hinter dem Kunden-Bereich die ganze linke Wand getäfert mit Holzelementen, darin verborgen zwei Türen in getrennte Neben-Räume und hinter einer nicht erkennbaren Doppel-Tür der mannshohe Tresor-Schrank. Nebenan die Dokumentar-Abteilung, der Telex und einem durch Glas-Scheiben abgetrennten Raum für den Prokuristen, fünf Arbeitsplätze. Rechts davon die Börsen-Abteilung mit Bildschirmen an der Decke, vier Arbeitsplätze. Geradeaus führte ein breiter Gang vorbei an rechts der Garderobe, dem Post-Büro hinter Glaswand mit Foto-Kopierer und Papier-Shredder, anschliessend ebenfalls einsehbar der nicht klimatisierte grosse EDV-Raum mit Lochkarten-Anlage. Die Buchungs-Belege wurden durch uns von Hand ausgefüllt und dort in Lochkarten umgewandelt, zwei Arbeitsplätze. Zuhinterst eine Wendeltreppe hoch zu den Büros der drei Direktoren mit ihren beiden Chef-Sekretärinnen im 2. Stockwerk. Den Gang zurück war rechts die Buchhaltung, zwei Personen, dann folgten ein Sitzungszimmer, die Telefon-Zentrale mit den Ablage-Schränken, die Kantine mit Kühlschrank und Koch-Möglichkeit, je eine Toilette für Frauen und Männer, der Zeit-Kontroll-Apparat bei der Personal-Eintrittstüre. Geraucht werden konnte während der Arbeit in allen Räumen, das Passivrauchen von Nichtrauchern war noch nirgends ein Thema. Alle Arbeitsplätze verfügten über eine elektrische IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine, ein schwarzes PTT-Tisch-Telefon mit Wählscheibe, einige zusätzlich einen elektronischen Rechner mit Papier-Rolle. Die Geräte wurden regelmässig von den Herstellern vor Ort gewartet.

Gegen Ende 1973 wollte meine mit 18 damals noch nicht volljährige Freundin Karin, vom Aussehen her Typ Fotomodell, von zu Hause weg. Sie hatte schon früher eine private Laufsteg-Schule absolviert, dann aber nach der Schule eine Ausbildung zur Zeichnerin in einem Grafik-Kleinbetrieb begonnen und wieder abgebrochen. Wir beschlossen zusammen zu ziehen, ich mietete ein möbliertes Zimmer in der Stadt Zürich und zog ebenfalls erstmals von zu Hause weg. Völlig planlos und fahrlässig, wie sich herausstellte. Ich ging morgens bis abends zur Arbeit und sie war im Zimmer, sollte eine bezahlte Beschäftigung suchen und finden. Als ich, am Fenster wartend, zum wiederholten Mal morgens nach zwei Uhr sah, wie sie aus dem silbergrauen Wagen ausstieg und sie keine mir glaubhafte Schilderung ihrer letzten Stunden geben konnte oder wollte, rastete ich als ihr eifersüchtiger Freund aus und beendete die Beziehung mit einem Knall. Im März 1974 kehrte ich in mein Elternhaus zurück und überwältigte meinen Liebes-Kummer, still und leise jeweils im Bett vor dem Einschlafen. Das Miet-Zimmer wurde von meiner Mutter gereinigt zurück gegeben. Mein ehemaliges Zimmer zuoberst war jetzt von der Schwester besetzt, aber Vater räumte sein Handharmonika-Übungs-Zimmer für mich.

In der Rekrutenschule hatte ich am militärischen Büro-Betrieb meinen Gefallen gefunden und mich darum bereits für die Unteroffizier-Schule als Fourier-Anwärter gemeldet zum Weitermachen. Den Korporal abverdienen nach der vierwöchigen UOS, verkürzt auf acht Wochen wegen der Weiter-Ausbildung, durfte ich deshalb im Vorzimmer vom Schul-Kommandanten als Ordonnanz beim Sekretär, einem Adjutant, anstatt mit einer Gruppe neuer Rekruten ins Feld zu müssen. Im selben Jahr 1974 absolvierte ich in Bern die fünf-wöchige Fourier-Schule und im nächsten Jahr meine 3. Rekrutenschule zum Abverdienen. Die Lohnfortzahlung wurde vom Arbeitgeber bewilligt mit Verpflichtung zur weiteren Mitarbeit. Eine bereits angemeldete Anwartschaft zum Offizier (Quartiermeister) nahm ich wieder zurück, weil ich zwischenzeitlich meine heutige Frau Trudi kennen gelernt hatte und mir deshalb anderes wichtiger wurde. Geschadet haben mir die militärische Weiterbildung und die drei Rekrutenschulen nicht, im Gegenteil.


Militärdienst als Rechnungsführer (Fourier)