Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Geburt und Taufe

Die Gegenwart von mir als Rolf Pfister beginnt irgendwann im Juli des Vorjahres, damit dieser neue Erdenbürger im Spital Horgen am Zürichsee geboren werden konnte, frühmorgens in einer Nacht Mitte April 1953, nebst Allem mit bester Gesundheit im Sternbild Widder und Aszendent Fisch am Übergang vom Wassermann. (Allerdings verschieben sich die Sternbilder über die Jahrtausende langsam durch die Kreiselbewegung der Erdachse um den Nordpol der Ekliptik). Mit Jahrgang 1953 werde ich bei den mittleren Generationen der sogenannten Babyboomer eingeordnet.

Der starke Anstieg der Geburtenraten zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Pillen-Knick Mitte der 1960er-Jahre wird als Babyboom bezeichnet. In der Zeit des Babybooms war die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau und damit auch die Gesamtzahl der Geburten, im Vergleich zu den vorherigen und den nachfolgenden Jahren, deutlich höher. Diese Periode ist auch als Wirtschaftswunder in Erinnerung. Es herrschte eine positive Aufbruch-Stimmung und Hoch-Konjunktur. Die fruchtbaren Nachkriegsjahre werden auch das goldene Zeitalter von Ehe und Familie genannt, in dem eine grosse Kinderschar erwünscht und auch finanzierbar war. Mitte der 1960er-Jahre gingen die Geburtenzahlen drastisch zurück. Ursache dafür waren nicht nur die verbesserten Methoden der Verhütung, sondern auch Tendenzen zur Individualisierung in der Gesellschaft. (Statistisches Amt des Kantons Zürich, Baumberger 2005).

Kulturell wurde ich in eine gedankliche Neu-Orientierung hinein geboren. Erzwungen durch einen Kultur-Riss, verursacht durch die zwei Weltkriege innerhalb derselben Generationen. Mein Grossvater leistete militärischen Aktiv-Dienst in beiden Kriegen, mein Vater im 2. Weltkrieg. Unsere Eltern-Familien haben die Kriegs-Rationierung gelebt, die Zuteilung mit Lebensmittel-Marken gespürt. Vom Einbezug in den Kampf wurden sie in der Schweiz verschont. Warum und wie ist für mich, vom Resultat her gesehen, vollkommen unbedeutend und gleichgültig. Durch den gegenteiligen Tatbeweis der Weltkriege wurde für meine Eltern der bisher gläubige Schön-Geist von Universität mit Philosophie und Religion zwecks Nachfolge-Prägung weitgehend hinfällig und durch ein individuelles, kritisch zweifelndes Misstrauen ersetzt. Gedanklich war ich meinem eigenen Denk-Vermögen überlassen, wie vermutlich viele andere der Nach-Kriegs-Generationen ebenfalls.

Nach der Geburt das Familienfest der Taufe. Die Aufnahme der Nachkommen in die soziale (Seelen-)Gemeinschaft wird schon vor Jahrtausenden sichtbar in keltischer Kultur, wo Benelos mit dem Festakt Beltaine (1. Mai) die Taufe vornimmt damit der Lebensbaum weiter getragen wird (ein Bild dieser Szene ist zu finden im berühmten Silber-Kessel von Gundestrup). Inwiefern die heute zunehmend übliche Praxis der blossen Eintragung in die staatlichen Personen-Register zur Aufnahme genügt wird sich noch zeigen. Obschon meine Eltern beide keine Kirchgänger waren, sie haben alle vier Kinder taufen lassen in der Reformierten Kirche Horgen. Dort, wo sie ihre Kirchensteuer bezahlten, obwohl sie keine Predigt besuchten und nicht im heiligen Buch lasen.

Religion war bei uns zu Hause nie ein Thema. Ich habe weder mit Mutter noch mit Vater je über ihren oder meinen Glauben gesprochen und wurde von ihnen auch nicht diesbezüglich angefragt oder beeinflusst. Der persönliche Glaube von anderen war sozusagen tabu. Anders meine Grossmutter in Langnau. Als ich etwa fünfjährig erstmals bei ihr mehrere Tage zu Besuch sein durfte, setzte sie sich beim gute Nacht wünschen zum Beten an mein Bett und musste mir dann erst mal erklären was das genau sein soll. Am nächsten Tag vor dem Mittag-Schläfchen setzte ich die neue Erkenntnis gleich um und so betete ich innig um 20 Rappen für eine Glace in der Molki. Als ich nach dem Schlaf am vereinbarten Ort nichts vorfand, war ich masslos enttäuscht und die Sache mit dem lieben Gott hatte sich einstweilen erledigt für mich.


Taufe von Rolf Pfister 1953

Tauf-Gotte war Ida Grivel-Ramseier, die 19 Jahre ältere Schwester meiner Mutter. Ida lebte schon länger in Horgen, zuerst sogar in einem Nachbarhaus beim Herner. Mein Gotti wohnte später etwa 2 Kilometer entfernt und wurde von mir als Kind gerne besucht. Zum einen wegen der feinen Himbo-Limonade, welche sie immer für mich bereit hielt und vor allem wegen dem Fernseher, wo ich jeweils die Serienfilme von Fury oder Lassie sehen durfte. Ihr Mann Heiri, Friedhof-Gärtner in Horgen, lag nach dem Feierabend während dessen auf dem Divan und las stets in einem Wildwest- oder Jerry-Cotton-Roman-Heftli. Auf dem Weg zu ihr an der Zugerstasse befand sich ein Hufschmied, wo ich manchmal zusehen konnte, wie unter dem Vordach ein Pferd beschlagen wurde, nachdem der Schmied das glühende Eisen auf dem Amboss gehämmert hatte.

Tauf-Götti war Hans Leutert-Leuthert, Ehemann von Martha, der Schwester meiner Grossmutter. Im Stammbaum sind beide von Ottenbach. Nach der Reformation anfangs 16. Jahrhundert behielten die katholischen Leuthard den Namen, die reformierten bevorzugten nun Leuthert und Leutert. Hans wohnte in Einsiedeln im eigenen Einfamilienhaus, das ehemalige Elternhaus seiner Frau und war Textil-Handelsreisender. Er besuchte meine Mutter sporadisch, um wieder eine Bestellung aufzunehmen für neue Calida-Unterwäsche, Schlafanzüge oder Bettwäsche. Mutter seufzte manchmal, wenn das Haushaltgeld ohnehin schon überstrapaziert war und der Hans jetzt auch noch unerwartet vorbeikam. Mit dem Götti hatte ich keinen Kontakt, freute mich aber über gelegentliche Geburtstag- oder Weihnachtsgeschenke per Post. Zur Konfirmation schenkte mir der Götti meine erste Uhr, eine automatische Mido-Armbanduhr.