Biografie von Rolf Pfister in Zürich


Camping-Ferien Sommer 1988

Ein Reise-Bericht von damals: Heute ist endlich Freitag, der 8. Juli 1988. Am Nachmittag steigert sich die Vorfreude der letzten Tage, nur noch drei, zwei, einmal schlafen, zum eigentlichen Ferien-Fieber. Ruedi und der Jüngere haben am Nachmittag schulfrei, Käthi muss noch für zwei Stunden in den Kindergarten. Im Laufe des späteren Nachmittags beginnen wir mit dem Verladen der Camping-Ausrüstung. Mami hat in den letzten Tagen alles Nötige bereit gestellt, kontrolliert und ergänzt. In unserem neuen Lieferwagen, einem blauen Toyota Liteace mit Seitenfenstern, hat alles schön Platz und bald sind wir mit aufladen fertig. Weil wir dieses Jahr auf gutes Glück ohne Reservierung reisen, hat Papi sich für diesen Wagen entschieden, damit wir nötigenfalls im Fahrzeug übernachten könnten. Schon sind wir zur Abreise bereit und beschliessen spontan, auf dem Weg nach Süden noch bei Verwandten in Zürich-Enge und in Horgen vorbei zu schauen um Abschied zu nehmen.

Um halb zehn, kurz vor dem Eindunkeln, ist der Start nach den Besuchen: Wir brechen auf und sind unterwegs nach Italien. Über den Hirzel gelangen wir nach Sihlbrugg zur Autobahn, welche durchgehend ausgebaut ist bis nach Italien. In Richtung Gotthard herrscht nur spärlicher Verkehr. Wir fahren gemütlich mit etwa 80 Stundenkilometern, weil mit dem neuen Wagen die ersten tausend Kilometer nicht schneller gefahren werden sollte. Ohne Halt sind wir kurz vor ein Uhr beim grossen Rastplatz Coldrerio vor Chiasso, wo wir noch vor der Grenze übernachten wollen. Wie wir aussteigen, merken wir an der Luft, dass wir im Süden sind. Sie ist wärmer und typisch anders. Wir laden unsere Klappstühle aus, um von unseren mitgebrachten Vorräten zu essen und zu trinken. Wie immer hat Mami an alles gedacht. Sandwich mit Fleischkäse oder Bündnerfleisch, Eistee und für Papi heissen Kaffee. Zum schlafen richten wir uns auf der Ladefläche über der Camper-Ausrüstung ein grosses Bett ein mit den Steppdecken als Polster. Der Rücksitz kann nach vorne gekippt werden, so dass wir eine Fläche von etwa 2x1.4 Meter zur Verfügung haben. Für unsere fünfköpfige Familie wird es aber etwas eng. Papi hat sich das Übernachten im Auto einfacher vorgestellt - es wird ein richtiges Gedränge. Geschlafen haben dann aber doch alle ein paar Stunden.

Wegen dem lauten kommen und gehen auf dem Rastplatz sind wir bereits um fünf Uhr morgens wieder wach. Rücksichtslos werden Autotüren zugeknallt als müsste sich die Karosserie verbiegen. Zum Frühstück essen wir Brötchen und trinken Kaffee. Dann richten wir das Auto wieder neu ein zum weiter fahren. Da wir noch in der Schweiz volltanken wollen, müssen wir uns vor der Tankstelle in eine lange Zweier-Kolonne einreihen. Papi hat Freude, wie wenig Benzin der neue Wagen mit Katalysator gebraucht hat. Wieder auf der Autobahn, befinden wir uns in einer stockenden Kolonne in Richtung Zoll. Dort müssen wir nicht anhalten, der italienische Zöllner winkt die Autos einfach durch. Jetzt sind wir in Italien. Nach dem Zoll löst sich der Stau sofort auf. Wir fahren gemütlich in die Morgendämmerung. Einige Minuten später sehen wir voraus etwas Ungewöhnliches. Beim näher kommen handelt es sich um einen kurz vorher passierten Unfall. Papi sagt, nicht hinschauen, das sieht schrecklich aus. Ein verstümmelter Mann liegt quer auf der Gegenfahrbahn, sein Fahrzeug hängt aufgespiesst in der Leitplanken-Gabelung der Ausfahrt. Ein tödlicher Selbstunfall, einer von jenen, welche die Regierung Ende Juli dazu veranlasst haben, die Höchst-Geschwindigkeit von 140 auf 110 zurück zu nehmen. Wir denken beim weiter fahren an Papis Schwester und ihren Mann, welche jetzt auf dem Rückweg in die Schweiz aus Lecce ganz im Süden sind. Vor Mailand fragt Papi, ob wir jetzt in Richtung Genua oder Venedig fahren wollen. Wir wollen nach Pisa, Ruedi nach Rom. Es ist jetzt schön und sehr heiss.

Die Sonne strahlt am wolkenlosen blauen Himmel und verwandelt unsere Blechkiste auf dem Asphalt zur Sauna. Ab und zu halten wir auf einem Rastplatz und kühlen uns ab im Schatten von Bäumen. Dazu trinken wir viel Wasser. Von Genua aus will Papi auf der Küstenstrasse weiterfahren, damit wir die sehenswerten Orte kennen lernen. Portofino, Cinque Terre, Lerici. Doch bereits in Portofino müssen wir den Plan ändern. Die Küstenstrasse ist hoffnungslos überlastet und Mami bekommt Angst, weil alles so eng ist. In den kleinen Häfen liegen die Boote derart dicht an, dass kein Wasser mehr zu sehen ist. Die Infrastruktur der Küste ertrinkt förmlich im Tourismus. Wir sind uns durchaus bewusst, auch wir leisten unseren Teil dazu bei. Wir kehren zurück auf die Autobahn und fahren direkt nach Carrara, von wo aus wir einen Campingplatz am Meer zu finden hoffen. Die berühmten Marmor-Steinbrüche in den Bergen über Carrara sehen von weitem aus wie Schneefelder. In Marina di Massa sehen wir, wo Mami und Papi früher einmal mit dem Zelt waren. Die Campingplätze am Meer gibt es aber alle nicht mehr. Die Gelände liegen unbenutzt und eingezäunt in der Sonne. Das gesamte Umfeld vermittelt einen ungepflegten, ja verfallenden Eindruck. Mami sagt, es sei alles noch so wie vor zehn Jahren, aber viel dreckiger. Wir sehen ein grosses Zirkus-Zelt, welches kaputt und verwahrlost als Kehricht-Deponie benutzt wird. Auffallend ist, fast ausnahmslos alle Autos haben italienische Kennzeichen. Entlang der Küstenstrasse folgt ein Bagno dem anderen. Von der Strasse her haben die Bäder zuerst Parkplätze mit Schatten spendenden Matten-Dächern, dann einen Torbogen mit bunter Bemalung und dahinter der Strand mit Liegestühlen und Sonnenschirmen. Bloss die Sonnen-Hungrigen fehlen weitgehend. Offensichtlich wird das existierende Angebot nicht gekauft. Bei einem der vielen leeren Strand-Restaurants halten wir an, weil wir Hunger und Durst haben. Ruedi und Mami essen Spaghetti pomodoro. Ruedi hat dermassen Hunger, dass ihn auch das ungewohnte Basilikum-Kraut nicht am Genuss hindert. Der jüngere Sohn isst einen gemischten Salat, Käthi nur Pommes-Frites. Papi bekommt die erste seiner geliebten Pizza. Zum trinken für die Kinder Cola, für die Eltern Rotwein und Aqua minerale für alle.

Beim Essen beschliessen wir, nicht in dieser Region zu bleiben. Das Angebot für Camper ist hier völlig unbefriedigend, wir wollen darum zur Adria hinüber. Doch zuerst werden wir noch Pisa besuchen, wenn wir schon einmal hier sind. Ruedi würde zwar gerne nach Rom fahren, um Cäsar zu besuchen, doch Papi will nicht, weil das zu weit sei. In Pisa sehen wir, der berühmte Turm ist noch viel schiefer, als wir uns vorgestellt haben. Der Überhand beträgt nun 6 Meter von der Senkrechten. Alles wirkt aber wie zusammenhanglos hingestellt, inmitten gepflegter Rasenflächen gegen ein paar tausend Lire zu konsumieren. Wir bleiben nicht lange in Pisa. Weil wir für die Besichtigung des fünfschiffigen Doms bis zur Tür-Öffnung noch zwei Stunden warten müssten, gehen wir etwas trinken und fahren dann weiter. Auf der Autobahn kreuzen wir in der Nähe von Florenz einen riesigen Aquädukt, eine frühere römische Wasserleitung in fortlaufender monumentaler Bogen-Erstellung. Ein gewaltiger Anblick, leider können wir auf der Bahn nicht anhalten. Bei Bologna essen wir in einem schönen Pavesi. Mami und Papi nehmen Lasagne, Käthi und Ruedi Zucker-Melone und der jüngere Sohn Wasser-Melone. Gegen acht Uhr abends erreichen wir Ravenna. Wir sind wieder am Meer, auf der anderen Seite vom Stiefel. Gleich beginnen wir, die Küste nach Camping-Plätzen abzufahren. Doch welche Enttäuschung - direkt am Meer sind hier die Hotels und Ferien-Wohnungen. Die Zeltplätze sind weiter entfernt, teilweise mehrere Kilometer. Wir wollen unbedingt direkt ans Meer und haben nun genug. Wir wissen ja aus früheren Jahren, wo es schöne Campingplätze am Meer hat. Am grossen Lido zwischen Jesolo und Punta Sabbioni. Papi sagt, er fahre jetzt direkt nach Cavallino und wir sollen versuchen zu schlafen.

Auf der Strada Romeo fahren wir in die Nacht, durch das Po-Delta in Richtung Venedig. In Venezia-Mestre erreichen wir die Autobahn nach Triest, welche wir um elf Uhr nachts bei der Ausfahrt Quarto-d'Altino wieder verlassen um dann kurz vor Jesolo in einem endlosen Stau stecken zu bleiben. Samstag-Nacht. Kilometer weit sind die roten Rücklichter der stehenden Fahrzeug-Kolonne zu sehen. Mami bekommt Wallungen und will aussteigen. Wir biegen deshalb ab nach Jesolo-Dorf und wollen dort in einer Garten-Wirtschaft etwas trinken. Käthi schläft tief zuhinterst mitten im Gepäck und bleibt im Auto liegen, welches wir darum in Sichtweite parkieren. Während Papi nachher für die letzten 17 Kilometer noch zweieinhalb Stunden im Stau braucht, schlafen die anderen im Auto. Um halb zwei Uhr parken wir vor dem geschlossenen Tor des Campingplatzes Mediterraneo. Da alle schlafen, versucht Papi zuerst sitzend hinter dem Steuer einzuschlafen. Dann muss er aber doch noch alle wecken, damit wir wieder ein Bett zubereiten können. Nach einem kurzen Ringen um jeden Zentimeter schlafen wir alle fest bis um sieben Uhr.

Die Sonne scheint bereits, als Papi mit den Ausweisen zur Anmeldung geht. Der Platz sei schon voll besetzt, es habe nur noch Stellplätze für kleine Zelte. Papi sagt einfach, wir hätten ein kleines Zelt. Es gibt ja auch noch grössere. Mami atmet tief durch, denn sie hat bis jetzt befürchtet, wir würden vielleicht gar nirgends Platz finden. Nach dem Einschreiben fährt uns ein Angestellter mit dem Moped voraus und zeigt uns den Ort, wo wir uns niederlassen dürfen. Obschon tatsächlich klein, nehmen wir den Platz sofort und beginnen auch gleich mit dem aufstellen des Zeltes. Die Sonne brennt nun wieder am wolkenlosen Himmel und Papi schwitzt Bäche beim einschlagen der Heringe. Bald ist das Zelt fertig verpflockt. Mami räumt die verschiedenen Sachen ein. Um uns herum stehen lauter kleinere Zwei-Personen-Zelte von Italienern aus der Region, wie uns die Kennzeichen der Fahrzeuge verraten. Wir haben fast zu wenig Platz und müssen zwei Klappstühle auf dem Strässchen aufstellen, damit wir alle um den Tisch sitzen können.

Aber wir sind froh, wir haben einen schön gelegenen Platz. Er liegt an einer grossen Kreuzung von mehreren Strässchen wie einer Lichtung im Wald, in der Mitte, vis-a-vis von unserem Zelt, befindet sich eine gepflegte Blumen-Rabatte mit roten Salvien, gelben Tagetes und orangen Margeriten. Dazu verschiedene grüne Sträucher und Steine. Unser Zeltplatz am Rande vom jungen, hellen Pinienwald. So haben wir je nach Sonnenstand Schatten oder pralle Sonne. Jetzt haben wir Hunger und bewegen uns in das nur etwa hundert Schritte entfernte Camping-Restaurant. Wir essen Spaghetti, Lasagne, Reissalat, Melone, Pommes-Frites, alle etwas anderes. Alles zusammen kostet 23400 Lire, beim Wechselkurs von -.115 Franken 27.- (Lasagne L 4200, Spaghetti pomodoro oder bolognese L 3600, Reissalat L 3300, Pommes-Frites L 2000, Cola 3dl L 1400, Vino rosso L 2500 mezzo litro). Über Mittag ist hier Selbstbedienung mit bedienter Theke der Küche. Viele kommen in den Badeanzügen zum Essen. Das Restaurant liegt gleich anschliessend an zwei grosse Schwimmbecken mit Süsswasser. Alles ist sauber und gepflegt. Das Personal aufmerksam und freundlich. Auch die Umgebung lädt mit vielen schönen Blumen. Und Pflanzen-Anlagen zum verweilen ein. Nach dem Essen spüren wir die Ermüdung durch die lange Reise erst recht. Das waren gut 1000 Kilometer mit dem Auto. Beim Zelt schlafen wir im Schatten der Pinien den halben Nachmittag. Der jüngere Sohn legt sich trotz Papis Warnung wegen der Hitze ins Zelt. Käthi hat während der Fahrt oft geschlafen und ist überhaupt nicht müde. Mami geht mit ihr ans Meer, damit sie die anderen nicht aufweckt.

Das faszinierende Meer mit seiner sich endlos verlierenden Weite. Für uns aus den Bergen jedes Mal ein Erlebnis. Dem Wasser entlang zieht sich ein etwa dreissig Meter breiter Sandstrand, soweit das Auge reicht. Der helle Sand ist ganz fein körnig und heiss. Trotz der vielen Menschen, die hier baden und an der Sonne liegen, ist noch viel freier Raum. Die Brandung ist seicht und ruhig, der Strand fällt bis weit ins Meer hinaus flach ab. Das Wasser ist lauwarm, aber nicht ganz so klar wie ein Bergsee. Das Meer liegt grünblau an der Sonne und glitzert bei der kleinsten Bewegung. In regelmässigen Abständen reichen die Wellen brechende Steinbuhnen ins Meer hinaus. Entlang dieser Steinhaufen schwappen teilweise grüne Algen. Hier leben auch Krebse mit der Rumpfgrösse einer Kaffeetasse. Am südwestlichen Horizont sind die Silhouetten von grossen Frachtschiffen zu erkennen, welche auf die Einfahrt in den Hafen von Venedig warten. Käthi ist das Meer noch nicht geheuer. Sie geht wohl bis zum Bauch ins Wasser, aber nur wenn Mami bei ihr ist. Anders dann im Schwimmbecken für die Kleineren. Dort ist eine Freude zuzusehen, wie sie mit dem Wasser spielt. In der Zwischenzeit ist Papi wieder wach, weil eine Kammer der Luftmatratze leer ist. Der jüngere Sohn krabbelt völlig verschwitzt aus dem Zelt, weil er wie voraus gesagt keine Luft mehr bekommt. Einzig Ruedi schläft noch auf dem Liegebett am Wegrand. Weil er dazu deutlich schnarcht, bringt er vorbei gehende Camper zum stehen und grinsen. Mami bereitet einen Filterkaffee. Der Butan-Gaskocher, welcher sechs Jahre unbenutzt im Keller lagerte, brennt auf Anhieb. Nach und nach gehen wir alle duschen und kleiden uns an.

Die Sonne hängt mittlerweile als glutroter Ball tief über den Bäumen. Die Hitze des Nachmittags wechselt in eine erträgliche Wärme. Mit dem Auto fahren wir nach Jesolo-Lido. Die sechs Kilometer lange Ladenstrasse wartet wie jeden Saison-Tag auf den allabendlichen Ansturm der Gäste. Die ungezählten Ristorante, Pizzeria, Trattoria und Bars werden bald bis auf den letzten Platz besetzt sein. Um acht Uhr abends wird die Strasse für jeglichen Fahrzeugverkehr gesperrt. Das allgemeine Motto heisst dann, sehen und gesehen werden. Wir kaufen Käthi einen neuen Schwimmring, Ruedi bekommt eine Taucherbrille und der Jüngere hat noch keine Schwimmflossen. Dann fahren wir zurück, um unterwegs in Cà-di-Valle zu essen (das ist beim Camping Europa wo wir schon waren) und anschliessend den dortigen kleinen Luna-Park zu besuchen. Da ist eine richtige Chilbi für Kinder. Die lachende Raupe als langsam fahrende Achterbahn, Sessel-Bahn, Karussell, Riesenrad, Schaukel, Trampolin. Dazwischen Stände, jeder gewinnt und Buden zum Ball und Ringe werfen. Als besondere Aktion ist heuer in einem Anhänger ein neun Meter langer, ausgestopfter Haifisch zu bestaunen. Mami und Papi haben bald genug, schon vor den Kindern, und wollen zurück auf den Campingplatz.

Camping
Unser Stellplatz im Camping Mediterraneo, Cavallino 1988

Während wir abwesend waren, wurden hinter unserem Zelt zwei der kleinen Zelte abgeräumt. Der Platz ist noch frei und Papi sagt sofort, jetzt stellen wir unser Zelt weiter vom Weg zurück. Mami blickt zuerst etwas ungläubig, sind doch erst ein paar Stunden vergangen, seit wir mit aufstellen fertig waren. Wir räumen das ganze Zelt wieder leer und lösen die Heringe. Zu viert heben wir das Zelt an jeder Ecke etwas an und gehen damit drei Meter zurück. Bis zum Eindunkeln steht alles wieder wie vorher. Jetzt haben wir einen schönen Vorplatz mit genügend Raum für unseren Tisch und die fünf Stühle rundum. Die Kinder ziehen sich von selbst in die ihre Schlaf-Kabine zurück und kuscheln sich in den Decken nach wenigen Minuten in tiefen Schlaf. Auch Käthi, die ja zu ersten Mal in einem Zelt schläft. Mami und Papi sitzen noch vor dem Zelt bei einem Glas Wein. Es ist windstill und warm. Ein Meer von Sternen funkelt am dunklen Himmel, das gedämpfte warme Licht der Petrol-Lampe auf dem Tisch, der Merlot del Veneto - ein wahr gewordenes Gefühl von Glück und Frieden.

Mami erwacht wie immer wieder zuerst. Von nebenan sind Geräusche zu hören, die nach einem Zelt-Abbruch klingen. Sie weckt Papi, damit wir den frei werdenden Platz gleich für unser zweites Zelt reservieren können. Wir haben nämlich noch ein kleineres Giebel-Zelt mitgenommen, damit die Kinder in ihrem eigenen wohnen können, wie sie sich das vor den Ferien gewünscht haben. Das Giebelzelt ist von Papi vor 17 Jahren gekauft worden und noch wie neu. Das Innenzelt hat einen angenähten, wasserdichten Boden und wird mit zwei Stangen aufgerichtet. Darüber kommen über den First eine Längsstange und darüber die grosse Aussen-Blache. Diese reicht beim Eingang einen Meter über das Innenzelt hinaus, wodurch ein kleines Vorzelt entsteht. Bevor wir mit dem Aufstellen beginnen, essen wir gemütlich z'Morge. Mami hat im Laden beim Eingang Brötchen und Käse geholt, für die Kinder dazu Schoko-Milch-Drink und Nutella-Brot-Aufstrich. Beim Frühstück sehen wir den beiden jungen Männern dabei zu, wie sie ihren Platz räumen und die Ausrüstung auf ihrem Motorrad befestigen. Eine Glanzleistung der Platz- und Gewicht-Aufteilung als die Laverda Trial schliesslich beladen da steht. Kaum sind die Beiden weg, kommen wir zum Zug. Gleich neben unserem Hauszelt stellen wir das Giebelzelt auf. Daneben zwischen den Bäumen haben wir jetzt auch einen Parkplatz für unser Auto. Ruedi und der Jüngere pumpen die Luftmatratzen auf. Zusammen mit Käthi richten sie dann ihr eigenes Nest ein.

Die Sonne steht auch heute wieder hoch am Himmel. Es wird heiss und wir gehen alle zum nahe gelegenen Schwimmbad, um uns abzukühlen. Während Mami und Papi einige Längen schwimmen, zeigen Ruedi und der Jüngere ihre Sprung- und Tauch-Künste. Mit den Taucher-Brillen und Flossen sehen die Beiden aus wie Springfrösche. Käthi ist ebenfalls stolz auf ihr Können. Im untiefen Kinder-Schwimmbecken liegt sie in ihrem neuen Schwimmring und zappelt mit Armen und Beinen. Um die Bassin herum stehen viele Liegestühle und Sonnenschirme zur freien Nutzung bereit. Wir haben aber unsere eigenen Liegen mitgebracht, weil die Liegestühle bereits früh am Morgen reserviert werden, indem Badetücher und anders darauf deponiert wird. Gleich neben uns werden drei solcher Art besetzte Liegen bis nach elf Uhr nicht benutzt. Wir sind einhellig der Meinung, dieses Verhalten gehört sich nicht. Das Schwimmbad wird vor allem von Familien mit Kindern besucht. Ein Schwimmlehrer erteilt jeden Vormittag kostenlos Unterricht für alle die teilnehmen wollen. Ein Bademeister überwacht den ganzen Betrieb und weist jene zurecht, welche zu wenig Rücksicht auf die anderen nehmen. Am Mittag essen wir wieder im Restaurant beim Schwimmbad. Den Nachmittag verbringen wir am Strand. Nur Papi bleibt allein beim Zelt und liest, weil ihm am Strand an der Sonne zu heiss ist. Wir verweilen uns beim Spielen im und mit dem Sand. Im Meer baden bloss Wenige, die Meisten liegen eingeölt an der Sonne zum braun werden. Manche Frauen mit ganz nacktem Oberkörper. Ab und zu durchstreifen rabenschwarze Strandverkäufer, vollgepackt mit Markt-Artikeln, die Menschenmenge und preisen ihre Ware zum Verkauf an mit - billiger Jakob - Neckermann macht's möglich - c'est Lacoste, Direktor. Gelegentlich verkaufen sie auch etwas. Gegen Abend gehen wir alle duschen und kleiden uns an. Zum Duschen jeweils möglichst früh, damit wir nicht anstehen müssen und noch warmes Wasser haben.

Heute Abend wollen wir im Camping-Restaurant essen. Wir haben gesehen, die tagsüber offene Gartenwirtschaft wird abends auf drei Seiten mit Storen geschlossen und die Tische werden schön gedeckt mit weissen und blauen Tüchern. Angenehm überrascht werden wir dann vom perfekten Service, alles Männer und dem hervorragend zubereiteten Essen. Wir beschliessen, wenn immer möglich hier zu essen. Ruedi erlebt zwar eine Riesen-Enttäuschung, als sein Essen gebracht wird. Wir haben für ihn und den jüngeren das Kindermenü Schnitzel mit Pommes-Frites, Ketchup ja, bestellt und nicht wissen können, dass hier bereits in der Küche das Ketchup über die Pommes zugegeben wird. Ruedi jedenfalls weint dicke Tränen, er hat sich so auf sein Coteleta milanese gefreut. Schliesslich isst er doch wenigstens das Fleisch und jene Pommes-Frites, welche nicht vom Tomaten-Ketchup angesteckt worden sind. Nach dem Essen spazieren wir ziellos durch das Camping-Areal und begutachten die anderen Stellplätze. Im Laufe des Abends hat sich der Himmel zunehmend bewölkt. Die Luft ist kühler als gestern, aber warm genug, um später noch in leichter Kleidung vor dem Zelt zu sitzen. Während Mami und Papi ihren Merlot trinken, richten sich die Kinder in ihrem Zelt ein zum Schlafen, das erste Mal allein im eigenen Zelt.

Am Morgen hängen dichte Wolken über den Bäumen, kein Sonnenstrahl kann sie durchdringen. Es ist kühler geworden. Die Kinder schlafen noch, sie haben offenbar die erste Nacht durchgeschlafen. Mami und Papi trinken zu zweit einen Kaffee und kommen dabei auf die Idee, heute wäre das richtige Wetter dazu, um Venedig zu besuchen. Um möglichst früh aufbrechen zu können werden die Kinder geweckt. Als Ruedi Venedig hört, ist er auch schon hellwach und steht vor dem Zelt. Kurze Zeit später beginnt es auch noch leicht zu regnen. Wir räumen Tisch und Stühle ins grosse Zelt und essen dort unser Frühstück. Sobald alle fertig angezogen sind, fahren wir mit dem Auto nach Punta Sabbioni. Von dort fährt alle 30 Minuten ein Linienschiff direkt nach Venedig. Punta Sabbioni bildet mit seinem Leuchtturm den vordersten, Venedig am nächsten liegende Punkt der Landzunge. Die Landbesitzer entlang der einzigen Strasse zum Schiff haben durch die Venedig-Besuchenden ein einträgliches Geschäft. Sie stellen ihr Land als Parkplätze zur Verfügung und kassieren für jedes Auto 4000 Lire. Zum Teil sind die Plätze mit selbst gebauten Holzverschlägen unterteilt und mit Matten überdeckt. Die Vermieter, vielmehr meist deren Frauen, stehen auf der Strasse und versuchen jedes herannahende Auto in ihren Platz zu winken. Wir ignorieren die herumfuchtelnden Einweisungen einfach und parken auf dem vordersten Areal. Noch immer regnet es leicht. Das Schiff kostet für alle inklusive Rückfahrt 16000 Lire, Käthi kann noch gratis mitfahren. Zunächst müssen wir aber noch warten bis ein Schiff kommt. Da in der Wartehalle am Steg erst etwa ein Dutzend Passagiere warten, ist vermutlich vor kurzem ein Schiff gefahren. Ein Car nach dem anderen hält jetzt vor dem Schiffsteg. Als unser Schiff anlegt, wartet hinter uns eine riesige Menschenmenge. Weil wir bei den ersten sind, die das Schiff betreten, haben wir alle auf dem Oberdeck einen Sitzplatz auf der seitlichen Veranda. Der Zufall will, wir haben auf der linken Seite Platz genommen und bekommen dadurch während der Anfahrt freie Sicht auf die Stadt Venedig im Wasser.

Inzwischen hat der Regen aufgehört und die Sonne beginnt langsam die Wolken zu verbrennen. Vom Meer aus liegt der Markusplatz mit dem Dogenpalast in einem geheimnisvollen Dunst. Das Wasser entlang der Mole wird von vielen Booten und Schiffen aufgewühlt. Der breite Quai ist noch fast leer. Die Händler sind gerade dabei, ihre Souvenir-Stände einzurichten. Auch wir schlendern in Richtung San Marco und kommen zuerst am Gefängnisbau vorbei. Das Barockbauwerk aus dem frühen 17. Jh. war noch bis vor 60 Jahren als Gefängnis in Betrieb. Wir stehen nun auf der Brücke unten und sehen hinauf zur berühmten Seufzerbrücke, welche den Dogenpalast mit dem Gefängnis verbindet. Über jene Brücke führte man einst die Gefangenen zum Verhör oder zur Folter. Manche sahen von hier aus seufzend das Meer zum letzten Mal. Dank zweier getrennter Gänge kreuzten sie dabei nie ihre Schicksal-Gefährten, die von dort zurück kamen. Als wir später bei der Besichtigung des Dogenpalastes aus den Nischen in der Brücke einen Blick auf die Lagune werfen, seufzen wir ebenfalls angesichts der riesigen Menschenmenge, die unten steht und ihre Blicke nach oben richtet. Wir gehen weiter, dem Dogenpalast entlang zur Piazetta. Ruedi sieht zuerst, die beiden den Platz zum Meer abgrenzenden Säulen sind leer. Auf der linken Säule wäre der Platz des geflügelten Markus-Löwen, auf die rechte gehört eine Statue des griechischen Theodorus. Zwischen den beiden Säulen wurden früher die Todesstrafen vollstreckt.

Wir gehen nun vorbei am Campanile, der Turm sei fast 100 Meter hoch, zum eigentlichen Markus-Platz. Geradeaus ist der Glockenturm als Element der Fassade um den Platz. Oben auf dem Turm schlagen die berühmten Mori seit fast 500 Jahren jede Stunde auf ihrer grossen Glocke. Die Geschlechter der beiden bronzenen Muskel-Männer seien blank gestreichelt. Nach der Überlieferung erhalte die Berührung ein ganzes Jahr lang die Potenz der Venezianer. Anschliessend an den Dogenpalast ist die Basilika di San Marco zu bestaunen. Bereits die Aussen-Fassade ist in den Bögen mit farbigem Mosaik ausgeschmückt, ebenso die Vorhalle. Wir treten ein und werden erschlagen vom Eindruck einer anderen Welt. Diese Kombination von Raum, Licht und Hall. Der Boden aus Marmor-Mosaik, die riesigen Säulen, die goldbedeckten Bögen und Kuppeln, der Mosaik-Schmuck bedeckt den gesamten oberen Teil der Kirche. Einfach überwältigend grossartig. Das dämmrige Licht verwischt die Züge der einzelnen Personen. An verschiedenen Altären flackern hohe weisse Kerzen. Gegen Bezahlung von L 500 dürfen wir hinter den Hochaltar mit dem Sarkophag des Heiligen Markus und stehen vor einem, wenn nicht dem grössten Kirchen-Schatz der Welt - die Pala d'Oro, eine Gold-Schmied-Arbeit aus purem Gold, 3.5 x 1.5 Meter gross mit 80 Email-Arbeiten, 2486 Edelsteinen, davon 1300 Perlen, 300 Saphire und 300 Smaragde. Wir sind jetzt wieder beim Eingang und steigen noch die steile Treppe mit hohen Tritten hoch zur Galerie mit der Pferde-Quadriga, dem einzigen noch erhaltenen Vier-Gespann aus der Antike. Von hier aus sollen früher die Dogen den Anlässen auf dem Platz beigewohnt haben.

Venedig
Markusplatz Venedig

In der Zwischenzeit hat sich der Platz belebt. Unzählige Touristen, viele in Gruppen und Reiseleitung mit Schirm, verwandeln den Ort in einen Ameisen-Haufen. Wir verlassen die Kirche nun mit dem Eindruck, gewiss etwas Einmaliges gesehen zu haben. Alle haben nun schwere Füsse und Durst. In einer Seitengasse setzen wir uns vor einem Restaurant an einen freien Tisch und bestellen Getränke. Nach einer kurzen Rast wollen wir nun noch den Dogenpalast besichtigen. Hier kostet der Eintritt L 5000 pro Person und L 3000 für Kinder, obschon im Palast eifrig renoviert wird und deshalb viele Räume gesperrt sind. Was aber zu sehen ist, genügt für eine gute Vorstellung vom einstmaligen Reichtum dieser Stadt. Durch die prunkvollen Säle mit den grossen Gemälden der berühmten Maler an Decken und Wänden, die Arbeit-Zimmer und Gericht-Säle gelangen wir über die Seufzerbrücke zum Gefängnis. Auf dem Rückweg gehen wir durch den Innenhof wieder auf den Markusplatz. Wir spazieren nun der Mole entlang zu den Anlege-Stellen der Schiffe. Die Gondoliere stehen wartend beisammen, während die Gondeln im steten Auf und Ab des Wassers zwischen den Pfählen dümpeln. Uns ist die Gondelfahrt von 40 Minuten für L 80000 zu teuer. Wir nehmen ein Vaporetta, das öffentliche Verkehrsmittel für L 500 pro Person auf der Linie Due, welche an allen Stationen anlegt. So dauert die Fahrt länger, was wir geniessen, zudem wir Sitzplätze im Bug vorne haben.

Im Canale Grande herrscht ein reger Schiff-Verkehr. Das zerpflügte Wasser befindet sich in ständiger Unruhe. Doch die Venezianer steuern ihre Boote und Schiffe präzise und sicher durch die Strudel. Selbst die Gondoliere stecken mit ihren leichten Gondeln die Wellen der Motor-Schiffe weg, als ob sie gar nicht wären. Die Fahrt durch die breite Wasser-Strasse zwischen den aneinander gebauten Häusern ist ebenfalls ein eindrückliches Erlebnis. Die meisten Palazzo haben eigene Boot-Anlegestellen und direkten Zugang vom Wasser ins Haus. Die Seitenkanäle sind schmäler und werden von vielen Brücken überspannt, welche die Gassen verbinden. Vor allem nachts müssen die Gassen ein Labyrinth sein für Ortsunkundige. Die wichtigsten Verbindungen sind allerdings überall gut beschildert. Eine Haupt-Verbindung von San-Marco zur Rialto-Brücke ist eine einzige Ladenstrasse. Ein Geschäft und Ristorante folgt dem anderen. Während sich dort jetzt die Touristen-Ströme durchzwängen, erscheint der Vaporetta als wohltuende Abwechslung. Der Canale Grande windet sich als grosses S zur Rialto-Brücke hinauf. Erst nach der zweiten Kurve wird der Blick frei für dieses berühmte Meisterwerk der Brücken-Baukunst, 1591 fertig gestellt und bis heute voll funktionsfähig.

Durch das emsige Treiben hindurch erreichen wir über die Brücke jene Seite vom Kanal, wo wir mehrere Restaurants direkt am Wasser gesehen haben. Wir finden einen freien Tisch und essen hier zu Mittag. Mami und Papi bestellen ein Steak vom Grill mit Beilagen, dazu einen Flaschen-Rotwein und Mineral-Wasser, Ruedi und der Jüngere wollen das obligate Schnitzel mit Pommes-Frites, Käthi will nur einen Rüebli-Salat. Wir geniessen das Essen an diesem exklusiven Ort und stören uns dann auch nicht an der grossen Rechnung. Eine wandernde Sängergruppe in volkstümlicher Kleidung spielt beim vorbei ziehen Volkslieder. Ab und zu singt auf einer Gondel ein Caruso seine Lebensfreude o sole mio. Nach dem Essen gehen wir durch die Gassen zurück zum San Marco. An den engen Stellen herrscht ein grosses Gedränge in der Ladenstrasse. Hier sind einfach viel zu viele Leute, die alle das Gleiche tun wie wir auch. Mit dem nächsten Linienschiff fahren wir zurück nach Punta Sabbioni. Von dort sind wir bald wieder auf dem Camping-Platz. Den Rest des Nachmittags verbringen wir am und im Schwimmbad. Zum Abendessen sind wir wieder im Camping-Restaurant und beschliessen den Tag später mit Spielen und Gesprächen vor dem Zelt.

Die ersten beiden Ferien-Tage sind vorbei, wir haben schon viel erlebt und freuen uns auf die zwölf noch verbleibenden.