Die Entwicklung vom Glauben zum Denken

Denken

Denken

Die weit verbreitete Annahme, den Ursprung vom Denken vor etwa 2500 Jahren in Griechenland zu verorten, greift zu kurz. Tatsächlich hat sich mit der Zeittafel der griechischen Dichter und Denker zwischen dem Altertum und der Antike [ca. 900 und 200 v. Chr.] aus der Epik über die Lyrik die Philosophie entwickelt vom Mythos zum Logos.

Gedanklich wurden damit jedoch lediglich die polytheistischen Figuren ersetzt mit einer Ideologie der Entfaltung vom Geist ohne die naturwissenschaftliche Erfassung dieses Vorganges vom Denken ...

[... denken ergibt Gedanken und keinen Geist im modernen Welt-Bild].

Was ist Glauben? Was ist Denken? Wenn man sich vorstellen will, was Glauben überhaupt ist, muss man sich zuerst darüber im Klaren sein, dass es kein bewusstes Glauben gibt: Sich von etwas bewusst sein [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit dem Sinn-Bild vom Bewusst-Sein] ist immer denkende Grosshirn-Ebene, auch wenn in der Redensart noch häufig die falschen Ausdrücke verwendet werden.

Die erste Unterscheidung als angeborene Denk-Kategorie findet auf der Zwischenhirnstufe statt, die dem sich bewusst werden weitgehend entzogen beziehungsweise nur von ihm überlagert ist. Ob etwas süss oder sauer ist oder ob etwas als harmlos oder wichtig erscheint, das Zwischenhirn bestimmt, was Sache ist oder nicht.

Insbesondere darf daher Glauben nicht mit Religion gleichgesetzt werden, weil Religion bereits das Wissen voraussetzt, dass es etwas gibt. Der Glaube ist das, was früher von Psychologen als Unterbewusstein ausgelegt wurde: Die ständige Auseinandersetzung von Sinnenreizen mit dem vererbtem Abbild der Welt im Zwischenhirn [weiterlesen ... Gedanken - Reiz der Sinne].

Man kann sich das vorstellen als eine Art unbewusstes und vollautomatisches Denken, das letztlich in der Wechselwirkung mit der Grosshirnrinde darüber entscheidet, was richtig und was falsch ist [das hat nichts mit der deutschen Substantivierung "Wahrheit", mit wahr oder unwahr zu tun]. Menschen könnten theoretisch im Grosshirn denken, was sie wollen, wenn aber das Zwischenhirn aktiv wird, dringt der Gedanke gar nicht in ihr sich dessen bewusst zu werden. Darum kann zum Beispiel auch die Kreativität dadurch erhöht werden, indem man das Zwischenhirn mit einem erhöhten Blutalkoholgehalt etwas zurückbindet, was aber darum nicht empfehlenswert ist, weil man nach kurzer Zeit der Gewöhnung wieder auf dem gleichen Stand ist wie vorher mit dem Unterschied, dass jetzt noch mehr Drogen nötig sind.

Mit dem Glauben der Zwischenhirnebene hat die Natur in der Person selbst eine Kontrollinstanz geschaffen, welche die Art als Ganzes nahezu unsterblich macht: Die Fehler von lebenden Generationen werden langfristig von einer über Jahrhunderttausende hinweg unerschütterlich beständigen Zwischenhirnebene aufgefangen.

Als Glauben ist demzufolge die ursprüngliche Verbindung von Gefühlswelt und Wahrnehmung als war-nehmen zu verstehen, die schliesslich zum sich bewusst sein führt. Nach Jahrmillionen der Bewusstmachung begann zur Zeit der ersten Steinwerkzeuge und Höhlenmalereien eine heute nachvollziehbare Geschichte, die in verhältnismässig kurzer Dauer von wenigen zehntausend Jahren zum nun bestehenden Zustand führt.

Man muss sich das allerdings vorstellen, wie die Menschen einst alle Eindrücke einmal erstmalig verarbeiten mussten. Alle Wirklichkeit erschien irgendwann zum ersten Mal im Spiegel der Grosshirnrinde und musste von den Menschen auf der jeweils bestehenden Wissensstufe bewältigt werden, wie das nebenbei bemerkt auch noch heute stattfindet.

In Gedanken in eine Jahrtausende zurückliegende Zeitepoche versetzt, kreiste die Erde damals wie heute in einem Jahr um die Sonne. Durch die Ekliptik, also die zur Sonne schräggestellte Umlaufbahnachse der Erde und deren Umdrehung um sich selbst im Tagesrhytmus entstehen sowohl Tag und Nacht wie auch die Jahreszeiten.

Die Menschen bevölkern schon seit Jahrmillionen die Kontinente dieses Planeten, sind durch die Zähmung des Pferdes oder anderer Tiere mobil geworden. Vereinzelte Volksstämme sind schon sesshaft oder wechseln nur noch aus zwingender Not zum Nomadentum. Diese Naturvölker leben und sterben auch ohne davon etwas zu merken. Von all dem wissen diese Menschen aber nichts im Sinn von sich dessen bewusst zu sein.

Und da passiert das Unglück: In irgend einem Herbst jener Zeit beobachten aufmerksame Zeitgenossen zum allerersten Mal, dass die Nächte länger beziehungsweise die Tageszeiten kürzer werden. Was vorher schon immer so war, wurde plötzlich und allein durch das bewusste Erleben zum Thema und schliesslich zur existenziellen Frage, ob die Sonne auch für immer erlöschen könnte. Die wärmende Morgensonne hat die Menschen seit jeher von der kalten Nacht erlöst, die Möglichkeit der sterbenden Sonne muss den Menschen, vielleicht auch noch anlässlich einer Sonnenfinsternis, einen gewaltigen Schock versetzt haben.

Jedenfalls haben sich in allen bekannten Kulturen Feste und Feiern der Sonne entwickelt mit einer Ausnahme: Das keltische Druidentum in Europa hat keinen eigenen Sonnenkult betrieben, sondern in Stonehenge, Grossbritannien das Erbe einer hochentwickelten Wissenschaft von der Sonne antreten können, welche Anlage sogar noch vom griechischen Apoll von Delphi alle 19 Jahre besucht wurde (Diodor, II 47). Dieser neunzehnjährige Zyklus, an dem sich Mond- und Sonnenkalender decken, diente später zur Festlegung des beweglichen christlichen Osterfestes, was damals von der keltischen Bevölkerung Europas hartnäckig abgelehnt wurde.

Ostern, das Fest der Auferstehung, gilt als ältestes Fest der christlichen Kirchen. Gefeiert wird am am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang, also frühestens am 22. März und spätestens am 26. April. Das Wort Ostern geht nicht auf eine Frühlingsgöttin mit Namen Ostara zurück, sondern auf das althochdeutsche ostarun für Morgenröte. Früher war es üblich, die Nacht vor Ostern wachend zu verbringen. Mit dem Aufkommen der Morgenröte bereitete man sich dann auf das Auferstehungsfest vor. Der Zusammenhang der aufgehenden Sonne im Osten mit der Morgenröte im Wort Ostern scheint eindeutig.

Heute könnte überheblich festgestellt werden, dass die Anbetung der Sonne, einer der ersten richtigen Religionsinhalte der Menschheit, völlig nutzlos und überflüssig war, was ja in Bezug auf den Lauf von Sonne und Erde zweifellos zutrifft. Übersehen wird allerdings bei einer solchen Betrachtungsweise die Tatsache, dass auch das erstmalige sich bewusst werden der untergehenden Sonne, also die existenzielle Angst, obschon objektiv gesehen unbegründet, als latente Gefahr der Hysterie vorhanden war und auf irgend eine Art bewältigt werden musste.

Die geradezu schlafwandlerische Selbstverständlichkeit, mit welcher die Menschen ihre Angst vor dem Unvorstellbaren durch Mythologie absorbiert haben, darf aber auch nicht darüber hinweg täuschen, dass alle später entstehenden Religionen als Institution von Glaubensinhalt ausnahmslos auf schwerwiegendem Grundlagenirrtum basieren, wie anhand vorstehendem Beispiel nachvollziehbar ist.

Auch noch der im 9. Jh. vereinbarte, Scholastik genannte Kompromiss zwischen christlicher Religion und der damals schon über tausend Jahre alten Philosophie von Aristoteles ist nur darum möglich, weil der griechische Patriarch ebenfalls von einem Grundlagenirrtum befangen war: Er hat die zu seiner Zeit seit etwa einhundert Jahren bestehende, auf Leukipp zurückgehende Atomistiklehre von Demokrit wieder verworfen und statt dessen die Welt mit "seinen" vier Naturelementen Erde, Wasser, Luft und Feuer erklärt. Heute wissen wir, dass Demokrit mit der Vorstellung vom "a-tomon" Recht hatte und zudem Feuer schon damals kein Naturelement war, sondern Transformation. Die nur teilweise zutreffende, aber bestechend einfache Idee von Aristoteles hat zusammen mit dem von Ptolemäus stammenden konzentrischen Weltbild den Glauben der Menschen zwei Jahrtausende lang bis in die Neuzeit beherrscht.

Erst im 17. Jahrhundert hat der französische Naturforscher Pierre Gassendi die Atomlehre von Demokrit wiederbelebt und damit den modernen Wissenschaften zum Durchbruch verholfen, was der fromme Katholik damals nicht wissen konnte, als er die noch junge Philosophie von Descartes widerlegen wollte. Descartes gilt heute als Hauptbegründer der neueren Philosophie. Von ihm stammt das berühmte: "Ich (be)denke, also bin ich". Er hat behauptet, Körper und Geist seien zwei verschiedene Ebenen, die sich im Menschen nur treffen und dem subjektiven Bewusstsein eine kritische Verarbeitung der Aussenwelteindrücke ermöglichen. Zu beachten ist, sowohl Geist als auch Sein sind inhaltlich ideologische Begriffe.

Zweihundert Jahre später etabliert sich zusammen mit der Abstammungslehre von Darwin die heute allgemein anerkannte Evolutionstheorie. Recht hatte Gassendi als Gegner der Scholastik hingegen damit, dass Glauben und Denken nicht in einer Religion vereint werden können, weil Gefühl, Glauben und Denken im Menschen als verschiedene Ebenen angelegt sind und einen persönlichen Zustand der Trinität bewirken, die Seele - doch dazu später mehr.

Die Tatsache, wie das gedankliche sich von etwas bewusst zu werden mehr oder weniger zur gleichen Zeit überall auf der Erde für die gesamte Menschheit erwachte, erlaubt andererseits die Einordnung der Religionen in die Zusammenhänge durch eine zeitgenössische Erklärung der Welt.

Unter dem Gesichtspunkt einer auch physikalischen gedanklichen Ebene sind die Religionen ja nicht zum wahlfreien Gebrauch durch Menschen erfunden worden, sondern sind aus evolutionistischer Betrachtungsweise ein Stück Natur wie alles andere auch. Der Glaube von Menschen an Metaphysik, an den Dualimus von diesseits und jenseits hat sich wie alles in der Menschwerdung entwickelt. In der Glaubensfreiheit unserer Tage sind Elemente aus allen Entwicklungsstufen noch vorhanden, überlagert von wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie den persönlichen Beobachtungen. In jedem Kopf ist daher ein unterschiedliches Durcheinander von Teilzusammenhängen präsent.

Obwohl sich Religion schon aus den vorstehend geschilderten Zusammenhängen erklärt, kann man sich nun vorstellen, was Religion ist. Aus der naturwissenschaftlich erkannten Funktionsweise der drei Hirnteile sind Gefühl, Glauben und Denken verschiedene Ebenen, wirken jedoch im Menschen jetzt vereint als Bewusstsein.

Bewusstmachung zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass alles, was es gibt, einen Namen bekommt und einem Gedankengang zugeordnet wird. Diesen Vorgang kann man als religiösen Impuls bezeichnen. Wie gründlich das funktioniert, zeigt sich im subjektiven sich bewusst sein, dass selbst dort, wo es objektiv nichts gibt, etwas sein muss, das Nichts.

Es mag Menschen heute [2011]mit ihrem Wissen befremdlich vorkommen, wie die Menschen in einer vorreligiösen Phase, als die Wahrnehmung noch keinem Gedankengang zugeordnet werden konnte, einfach alles personifizierten und sich in einer Welt unzähliger Symbole als Platzhalter für unbekanntes zurechtfinden konnten. Dieses System wurde mit zunehmendem Wissen infolge der Lernfähigkeit der Menschen immer komplizierter. Den Namen wurden Eigenschaften oder Vorgänge zugeordnet, die Namen bekamen Eltern und Kinder.

Die ganze Welt wurde von den beobachtenden Menschen in einzelne Objekte aufgeteilt. Das subjektive sich bewusst sein des Grosshirns führt also zuerst einmal scheinbar zum Verlust des Objekts. Scheinbar deshalb, weil heute bekannt ist, dass ein Abbild des Objekts als Erfahrung der Gattung im Zwischenhirn vererbt ist. Mit der Zeit in Form von Wiederholung der Erfahrung begann man mit der Registratur der Ereignisse und Vorgänge, die gedanklichen Zusammenhänge waren erfunden.

Lange Zeit wurde das Gedankengut mündlich weitergegeben. Um das Jahr 1000 v.Chr. verfügen die Völker über eine reichhaltige Mythologie aus Sagen, Magie, Astrologie, Wahrsagerei und dergleichen mehr. Mit den schriftlich überlieferten antiken Sagen des klassischen Altertums haben Menschen Zeugnisse, die mit ihrer Fülle von Ableitungen und Anlehnungen eine Ahnung von der Kompliziertheit jenes frühen Denkens geben können. In der Mischna hat das Judentum später einen ursprünglich effizienteren Weg gewählt: Kein Wort zuviel, kein Wort zuwenig.

Wiederum ist das keltische Druidentum die Ausnahme jener Zeit: Das gesamte Gedankengut wurde auch nach dem Aufkommen der Schrift ausschliesslich mündlich von Druiden weitergegeben, die in etwa zwanzigjähriger Lernzeit dazu ausgebildet wurden.

Dann kam die schon erwähnte Zeit um 500 v.Chr., als sich die Menschen die Umwelt rational zu erklären begannen. Man kann sich gut vorstellen, dass die ständig angewachsene metaphysische Familie einfach zu gross geworden war und aus einem Ordnungsversuch heraus etwas völlig Neues entstanden ist. Wenn es beispielsweise über Jahrhunderte hinweg bei jedem Gewitter blitzt und donnert, mag den Menschen mit der Zeit die Beschwichtigung der zuständigen Symbole nebensächlich geworden sein.

Mit der Beobachtung, wie etwas ist, entstand die Einsicht, dass es etwas gibt. Die vielen Objekte in Form personifizierter Gestalten wurden langsam wieder zu jetzt realen Teilen einer Umwelt. Das zwangsläufige Resultat: Die einmal selbstverständliche ganze Welt, welche vorher in ungezählte Teile zerlegt worden war, liess sich mit den nun vorhandenen Stücken nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen. Während man früher beispielsweise einfach in die Unterwelt übertreten konnte und dies häufig durch Selbsttötung sogar selber tat, gab es nun den persönlichen Tod eines Menschen. Anfang und Ende harrten einer Erklärung, das Nichts verbreitete Angst und Schrecken. Es fehlten also Teile, die als rational nicht fassbare Fragen mitgeführt werden mussten.

Die Zeit war reif für die Weltreligionen, welche jetzt ihrerseits damit begannen, das Ganze in Objekte zu teilen: Gott, Sein, Seele. In der Folge bekamen auch diese Objekte wieder Eltern und Kinder. Engel, Heilige, und so weiter, und so fort. Man war stets, so könnte man meinen, wieder gleich weit wie vorher, allerdings jeweils mit einem gewaltig erweiterten sich bewusst zu sein [nicht gleich der ideologischen Behauptung vom Sein mit der Metapher Bewusstsein].

Religion ist demzufolge ein Funktionsprinzip der Bewusstmachung selbst. Was dabei gelernt wird, steht fortan als Gedankengut im Einklang mit dem unterbewussten Glauben zur weiteren Verfügung des Denkens.

Bevor ich nun zum Denken selber komme, fasse ich einmal kurz zusammen. Welt und Mensch führen zu einer Zwischenhirnwelt der Instinkte und Gefühle. Diese artbezogene Wirklichkeit ist nur ein Ausschnitt aus der Realität, aber soweit ein objektives Teilabbild. Nachfolgeprägung, Lernvermögen und räumliche Wahrnehmung bilden die Grosshirnwelt der Bewusstmachung, das eine Art Spiegelung der vorbestehenden Zwischenhirnwelt und der aktuellen Sinneseindrücke darstellt. Durch Religion wird dieses Weltbild des Grosshirns mit der Zwischenhirnwelt verbunden und bildet den auf Gefühl gestützten und als Kultur gelebten Glauben, der hier als Langzeitgedächnis oder Gedankengut bezeichnet werden kann.

Religion selbst ist kein Weltbild, sondern das berühmte "zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust", die Symbiose zweier Hirnteile der Objekte und Subjekte. Was aber ist dann Denken, wenn nicht das bisher Beschriebene? An sich wäre jetzt alles erklärt und tatsächlich scheinen heute auch etwa 93% aller Menschen damit zufrieden zu sein. Zugegeben, es mag für den einzelnen Menschen im Leben lustvolleres geben wie die nach wie vor bestehende Tatsache, dass eine Division durch Null nicht möglich ist.

Und so geschah es denn auch, dass gegen Ende des 16. Jahrhunderts anlässlich der schon erwähnten Neuorientierung wegen Kopernikus etwas völlig Neues entstanden ist: Nach den früheren vergleichenden Bildern, die von Sokrates "Ich weiss, dass ich nichts weiss" bis etwa der Minnesängerzeit wie beispielsweise "Geh, du liebliche Rose", entstanden nun Sinnbilder, die nur noch aus Gedankengängen bestehen. "Sein oder Nichtsein" und schliesslich "Ich [be]denke, also bin ich".

Wiederum kann man sich unabhängig der unterschiedlichen Bilder zuerst darüber klar werden, was da eigentlich passierte. "Ich glaube, damit ich verstehe", sagte Anselm von Canterbury noch im 11. Jahrhundert. Descartes hat nun gemerkt, dass Dinge bedenken auch etwas ist, weil nur sein kann, was ist. Denken selber wurde zu etwas, das es gibt.

Folgerichtig gibt es nun auch Gedanken und Gedankengut als Teile des Denkens. Die virtuelle Welt war da, die im 20. Jahrhundert zur elektronischen Datenverarbeitung führt. Denken ist so gesehen der Zugriff auf ein virtuelles Ebenbild der Realität im Kopf des Menschen, welches sich vorerst einmal analog entwickelte.

Die Konsequenz ist von der Sache her gigantisch: Das bisher von religiösem Glauben bestimmte Denken wechselte die Ebene. Nun müssen Gefühl und Glauben selbst im vorstehend beschriebenen nichtreligiösen Sinn mit dem Denken der Grosshirnrinde übereinstimmen, das Denken wurde dreidimensional, der Mensch kann sich ohne intaktes Gedankengut nicht mehr artgerecht verhalten, weil nun die unbekannte Realität und der Gedanke in der menschlichen Wirklichkeit identisch sein müssten.

Der religiöse Impuls ist aber nach wie vor Funktionsprinzip der Bewusstmachung. So wie das Zwischenhirn für das Grosshirn eine Vorwahl trifft, entscheidet nun der religiöse Impuls über den Umfang an Realität im sich von etwas bewusst zu sein.

Für die keltischen Völker Westeuropas hatte dieser Sachverhalt dramatische Auswirkungen, weil sie in der wichtigen Übergangszeit im Jahre 52 v.Chr. bei Alesia in einer Entscheidungsschlacht gegen römische Legionen ihre Selbstbestimmung und damit auch Identität und Gedankengut teilweise verloren haben. Seit jenem Tag begann die griechisch-römische Denkweise, die auf einem vollkommen agnostischen Glauben an den Universalismus und an die Logik des ausgeschlossenen Dritten [Dualismus] basierte, langsam aber sicher die keltische Kultur mit ihrer Dreieinigkeit [Trinität] zu verdrängen.

Wird weiter zurück geblickt in eine Zeit um etwa 500 v.Chr., kann festgestellt werden, dass damals fast ganz Mitteleuropa von keltischen Völkerstämmen besiedelt war, deren Kultur in ihrer Einheit einzigartig war angesichts der räumlichen Ausdehnung und örtlichen Vielfalt. Sicher ist, dass das keltische Druidentum nicht zugewandert ist, sondern an Ort aus den verschiedenen bereits ansässigen Stämmen und den aus Osten eintreffenden Verbänden entstanden ist.

Mangels Vergleichsmöglichkeiten müsste auch die einheitliche westeuropäische Denkart der Kelten, der Monismus, als Religion bezeichnet werden. Das heisst aber auch, dass hier die weltweite Entwicklung, die schliesslich in der Entstehung der Weltreligionen einen vorläufigen Höhepunkt fand, auf einer Denkstufe gewaltsam unterbrochen wurde, die nicht mehr rückgängig zu machen war. Das zeigt sich daran, dass bereits die griechischen und römischen Zeitgenossen der Kelten deren Lehren nicht mehr verstanden hatten, obwohl sie mit ihnen Kontakt pflegten und teilweise sogar ursprünglich aus dem gleichen Gebiet vom Kaukasus her nach Europa kamen.

Im westlichen Denken ist das keltische Druidentum die einzige bekannte Entwicklung im klassischen Altertum, die den um diese Zeit feststellbaren religiösen Impuls von Anfang an konsequent als monistisches, d.h. als für sich allein gültiges Gedankengut geführt hat. Der Ursprung dieses Unterschiedes ist wohl darin zu sehen, dass zur Megalithzeit um 2000 v.Chr., als die Sonnenkulte aufblühten, in der berühmten Anlage in Stonehenge im südlichen England schon vor der anschliessenden keltischen Kultur astronomische Beobachtungen und Vermessungen zu einem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild geführt haben könnten. Damit zu tun hat sicher auch, dass die Kelten nicht die Tage, sondern die Nächte zählten.

Ins eigentliche Licht der Geschichte treten die Keltenvölker erst später durch Berichte der griechischen und römischen Historiker. Obwohl des Schreibens mit griechischer Schrift mächtig, sind keinerlei Gedanken von den Kelten selbst überliefert, weil das gesamte Gedankengut mündlich weitergegeben wurde. Die alten irischen Epen sind zwar keltisch, aber bereits durch die Christianisierung geprägt und mehr als tausend Jahre später entstanden. Dennoch ist es der geduldigen Forschung gelungen, durch Zusammentragen der vorhandenen Funde eine Skizze vom damaligen keltischen Druidentum zu gestalten.

Bedingt durch die immer noch bestehende Lückenhaftigkeit muss man sich heute besonders davor hüten, fehlende Teile durch eigene Interpretationen zu ersetzen. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass die keltische Kultur für immer untergegangen ist und weder durch Keltomanie noch Neo-Druidentum wiederbelebt werden könnte. Andererseits reichen die gesicherten Erkenntnisse aus, die wichtigsten Stufen der untergegangenen Kultur als Gedanken zu verstehen, was wiederum bedeutet, dass die ursprünglich keltische Denkart noch lebendig vorhanden ist.

Der Hauptunterschied der keltischen Kultur zu allen anderen besteht in der Dreieinigkeit und zwar nicht im Sinne der Division eines Ganzen durch drei, sondern als Mitte einer Polarität verstanden. "Der Tod ist die Mitte eines langen Lebens", lehrten die Druiden, die jeden Dualismus konsequent ablehnten: "Oben wie unten sind eins". Es hat keine Trennung zwischen weltlich und über-weltlich stattgefunden. In der polytheistischen Phase, als aus dem absoluten Ganzen die personifizierten Objekte entstanden sind, wurde nicht mit Metaphysik ein abstrakt duales Ganzes geschaffen. In der Gestalt von Lug verfügten die Kelten bereits in einer vorreligiösen Zeit über ein Ebenbild des modernen Menschen, wie es erst wieder mit den auf den Theorien von Sigmund Freud aufbauenden Ideen der Surrealisten entstanden ist. Die einzige indoeuropäische Figur, mit der Lug verglichen werden kann, ist der germanische Odin/Wotan, mit dem er vieles gemeinsam hat. Die keltischen Figuren dienten ausschliesslich der traditionellen Weitergabe innerhalb der gesellschaftlichen Funktionen, die ihnen zugeteilt waren.

Für die Kelten war die Welt nichts anderes als das Druidentum selbst. Nach der Lehre der Druiden ist auch das Sein nicht etwas Seiendes, sondern etwas Werdendes, das von den Menschen erschaffen werden muss. Der religiöse Impuls ist im Lebendigen eingebunden. Schon das Sein genügt sich selbst nicht, Nichtsein und Nichtwollen sind undenkbar.

Aus heutiger Sicht war dies bereits eine klar evolutionistische Betrachtungsweise, wie sie sich in dieser Kultur wieder als allgemein anerkannt durchzusetzen beginnt. Unübersehbar ist auch die Übereinstimmung der keltischen Dreieinigkeit mit dem Inhalt der christlichen Lehre, wie sie zumindest von christlichen Atheisten verstanden wird. Man darf davon ausgehen, dass im Christentum die Welt der Kelten teilweise erhalten geblieben ist, indem in Westeuropa ein untergründiges keltisch-monistisches Denken entstand, das die Einflüsse der griechischen, römischen, germanischen und jüdischen Kulturen verarbeiten musste, nebst all den übrigen gedanklichen Weltreiche auch.

Damit nun zum Kern des Denkens selbst, zur Überlegung, was Denken eigentlich ist. Für diesen Gedankengang ist es notwendig, zuerst einen kurzen Ausflug in die vergleichende Religionswissenschaft zu unternehmen, um die wesentlichsten Grundbegriffe zu ordnen.

Zuerst werden Gefühl und Glauben durch Religion mit der Welt verbunden, indem alles, was es gibt oder nicht gibt analog mit einem Namen und einem Gedankengang belegt werden mussten. In der Folge blieb dem aufmerksamen Beobachter nicht verborgen, dass alles menschliche Tun ein Ziel hat, weil es sich in stets gleichem Resultat von beispielsweise Tod und Geburt ausdrückte, auch wenn man das Ziel nicht anerkannte. Das Ursache-Wirkungsprinzip [Kausalität], mit dem man Resultate hervorragend analysieren kann, versagte selbstredend, als man damit begann, das Ziel selbst in die Mitte der Betrachtungen zu stellen, da es diese Mitte im westlichen Denken des ausgeschlossenen Dritten gar nicht gibt.

Die Folgen dieses rein geisteswissenschaftlich [gedanklich] bedingten Unvermögens sind dramatischer, als man auf den ersten Blick annehmen würde. Mit dem Eintreten der physikalischen virtuellen Welt ins sich bewusst zu sein der Menschen als Fähigkeit des Subjekts, sich selbst als Objekt zu betrachten [Wer bin ICH?], hat, wie schon erwähnt, ein Wechsel des religiösen Impulses von der bisherigen Glaubensebene auf eine gedankliche Ebene stattgefunden. Dieses dreidimensionale Denken ist jetzt die von der Natur vorgegebene Mitte der Betrachtung selbst, die sich zusammensetzt aus der kosmischen, biologischen und gedanklichen Ebene.

Die Tatsache, dass noch heute lediglich eine kosmogonische Urknall-Theorie mit ewiger Abfolge von Tod und Wiedergeburt des Universums einigermassen wissenschaftlich abgestützt werden kann, wie sie inhaltlich aber schon in vorreligiöser Zeit vorhanden war, musste jedoch irgendwann zwangsläufig zur Frage führen, ob nicht der ganze griechisch-römisch-jüdische Denkansatz vielleicht unvollständig sei.

Wie ich später ausführen werde, beweist bereits die Möglichkeit dieser Frage, dass er tatsächlich sogar falsch ist, weil Denken die Verbindung zwischen der virtuellen dreidimensionalen Realität in Bewusstmachung der Menschen und dem vorbestehenden Glauben als Gedankengut darstellt. So wie der Mensch durch Glauben mit der Welt verbunden wird, wird mit Denken nun die Welt des Menschen mit der Realität verknüpft. Der gleiche religiöse Impuls der Bewusstmachung führt nach der zweidimensionalen Phase der Benennung der Objekte und Subjekte zu den Fragen und Überlegungen der gedanklichen Zusammenhänge als Zustand verstanden. Denken bedeutet, beim Denken daran denken, zu erkennen und zu unterschreiden, was Gefühl, was Glaube und was Gedanken sind.

Die Tragik der europäischen Völker besteht jetzt aber darin, dass genau das oft nicht möglich ist, weil sie sehr weitgehend nur noch über Glauben verfügen. Das archaische, aber fundamentale Gedankengut der magischen Vorzeit, welches jetzt ein Teil der unabdingbaren Voraussetzungen des Denkens ist, haben sie seit der von den römischen Besatzern verordneten Aufhebung ihrer Druidenschulen nach dem Jahre 52 vor unserer Zeitrechnung aufgegeben müssen: Die Seele.

Wie heute bekannt ist, verfügten die keltischen Völker schon in der polytheistischen Zeit über ein klar definiertes Seelenleben. Alle Autoren der Antike bezeugen ohne Ausnahme das keltische Phänomen einer Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele und der Wiederauferstehung und Existenz in einer anderen Welt. Dieser Unsterblichkeit der Seele standen Griechen und Römer fassungslos gegenüber, vor allem deshalb, weil auch schon der griechische Pythagoras eine fast wieder vergessene Lehre von der persönlichen Seelenwanderung entwickelt hatte, und den schmückte immerhin die Auszeichnung ihres Palliums.

Die keltischen Druiden lehrten aber keine Seelenwanderung im westlich missverstandenen hinduistischen oder buddhistischen Sinn von Reinkarnationszyklen, sondern, wie Lucanus in Pharsalia berichtet: "es herrscht weiterhin der gleiche Gedanke [nicht Geist], nur in einem anderen Körper und in einer anderen Welt" [monistisch aber in dieser Welt].

Das keltische Druidentum hat keinen Monotheismus entwickelt, sondern einen konsequenten Monismus beibehalten unter Ablehnung jeglicher Formen von Dualismus. Ein mit dem griechischen Zeus und dem römischen Jupiter vergleichbarer Göttervater ist nicht erkennbar. Der "göttlichste" der Götter ist in den irischen Epen unter dem Vorsitz von Lug, dem "Herrn aller Künste" entstanden als Dagda, dem "Mächtigsten der Götter", dessen Keule sowohl töten als auch vom Tode aufzuerwecken vermochte. Er ist also sowohl römischer Jupiter wie auch griechischer Pluton, jener berühmte Dis Pater in einer Person. So ist Cäsars Beschreibung in De bello gallico zu verstehen "Alle Kelten rühmen sich, von Dis Pater abzustammen. Deswegen bestimmen sie alle Zeiträume nicht nach der Zahl der Tage, sondern der Nächte". Die Kelten glaubten ja angeblich, dass sie aus dem Dunkeln kamen. Heute wissen wir, woher die Vorfahren der Kelten kamen, aus dem Osten. Nach der Zähmung des Pferdes vor zirka 6000 Jahre wanderten die mobil gewordenen asiatischen Steppenvölker auch nach Westen. Aus diesen proto-indoeuropäischen Völkerwanderungen entstanden durch Zersplitterungen verschiedene indoeuropäische Kulturen.

In der Ebene beim Kaukasus in der Kurgangräberkultur, später im Raum Mähren-Böhmen in der Urnenfelderkultur. Die Aunjetitzerkultur, nach einem Fundort bei Prag so benannt, gilt als eine der reichsten Entwicklungen der europäischen Frühgeschichte, aus der später die keltische Kultur entstanden ist. Die nach Westen wandernden Völkerstämme verschoben sich langsam in Richtung der untergehenden Sonne, ins Dunkle der Nacht. Als sie in der Bronzezeit in Europa eintrafen, waren hier die aus der jüngeren Steinzeit stammenden Sonnenkulte wie auch erdverbundene Fruchtbarkeitskulte auf blühendem Stand.

Interessant ist nun, was aus den ebenfalls durchgeführten Wanderungen nach Süden entstanden ist. Belegt ist die Tatsache, die alte indische Hochsprache Sanskrit sei mit den frühen europäischen Sprachen eng verwandt, hat also weiter zurück denselben Ursprung und dass Volksstämme gleicher Herkunft wie jene, die schliesslich als Kelten in Europa lebten, gegen Süden bis nach Indien gewandert sind und dort als Arier sehr gut dokumentiert werden durch die alten indischen Veden, die zu den ältesten religiösen Texten überhaupt gehören, die bekannt sind. Die vedischen Gesänge waren bereits alt, als sie vor zirka 3500 Jahren aus dem nördlichen asiatischen Hochland nach Indien kamen und belegen den Übergang von der magischen Zeit zu den Ichbezogenen Gottheiten.

Im Gesang des vielleicht 5000 Jahre alten Rig-Veda X. 129 ist schon längst eine der besten Einsichten der gesamten Religionsgeschichte enthalten:

Wer weiss es überhaupt
wer kann es verkünden
woher die Welt entstanden
woher diese Schöpfung stammt
Die Götter entstanden erst danach
durch die Schöpfung dieser Welt
Wer weiss es dann, woraus sie entstanden ist
Wer der Vorsteher dieser Welt ist
der allein weiss es
Oder ob auch er es nicht weiss?

Im Mittelpunkt der Antwort auf diese Fragen entstand in Indien das vom Karma in Bewegung gesetzte Rad des Samsara, die Lehre von der Wiedergeburt und die Suche nach der Befreiung davon im Nirvana, wie sie im Vedaismus, Brahmanismus, Hinduismus, Jainismus und Buddhismus auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt wurden.

In den Veden sind die Begriffe Karma, Samsara und Nirvana noch nirgends zu finden. Sie tauchen unvermutet in den ältesten Texten der Upanishaden auf und sind demzufolge erst in Indien entstanden. Ein den Veden ähnliches Werk besteht in den alten Gesängen des Avesta, des heiligen Buches der Perser, das auf altbaktrisch verfasst ist, in einer Sprache, die ebenfalls gleichen Ursprungs ist wie das alte Sanskrit und die alten europäischen Sprachen.

Beide entstammen also demselben proto-indoeuropäischen Invasionsstrom und zeichnen sich dadurch aus, dass der Mensch die Unsterblichkeit als Todlosigkeit in der Fortdauer der Generationen sieht. Der auf Zarathustra aufbauende Zoroastrismus der persischen Religion wie auch der spätere Mithraskult hatten dann einen nachhaltigen Einfluss auf das spätbabylonische Reich und auf die dort bis 538 v.Chr. im Exil lebenden Juden, die erst dadurch eine Lehre von der Unsterblichkeit der Seele sowie eine Moral vom Teufel übernommen haben. In den jüdischen Texten aus der Zeit vor der Gefangenschaft lässt sich davon noch nichts entdecken.Diese beiden Lehren fliessen später sowohl in die christliche Lehre wie auch in die manichäische Gnosis ein.

Der langen Rede kurzer Sinn: Die religiösen Systeme der hochzivilisierten Industrieländer im Westen wie im Osten gehen insgesamt auf eine unterschiedlich verstandene Natur- und Ahnenverehrung der proto-indoeuropäischen Völkerstämme zurück, die vor etwa 4000 Jahren aus dem asiatischen Hochland heraus ihre Wanderungen begannen und verschiedene regionale Glaubenssysteme auslösten, die sich später teilweise bis zu Weltreligionen weiterentwickelt haben.

Buddha liefert ein Zeugnis dieser kulturellen Vermischung: "Nicht den nenne ich Arier (Arya bedeutet Edel), der sein Haar wirr und die Initiationsschnur um die Schultern trägt und seine Ahnen mehrere Generationen zurückverfolgen kann; sondern den, der sein Wort halten kann, seinen Genossen treu, seinen Meistern gehorsam ist."

Neben dem vor allem auf astronomische (Pyramiden) und medizinische Kenntnisse ausgerichteten alten Ägypten verfügt noch China mit seinem über 5000 Jahre alten I-Ging, dem Buch der Wandlungen von Yin und Yang, über eine eigene Entwicklung, die durch Lao Tse zum Taoismus und mit Kung Tse zum Konfuzianismus führte. In der östlichen Philosophie haben sich die Gegensätze von positiv und negativ völlig wertfrei weiterentwickelt in dem Sinn, dass sie sich gegenseitig bedingen. Das daraus entstandene medizinische System der Lebensnerven wird heute auch im Westen allgemein anerkannt, beispielsweise die Pulslehre und Akupunktur.

Diese Gleichzeitigkeit zweier Dimensionen ist selbstredend auch in der von mir hier beschriebenen Dreidimensionalität enthalten und deckt sich somit seit Jahrtausenden mit der Realität. Obschon Yin und Yang ohne I-Ging nicht verstanden werden kann, ist dennoch die schwarzweisse Symbolik der Einheit des zweiteiligen Kreises im Westen auch ohne weitere Kenntnisse zunehmend beliebt und wird dualistisch vollkommen richtig empfunden als guter und schlechter Teil des Ganzen, die beide je im anderen enthalten sind. Verbunden mit einem als Berufung verspürten Karma entsteht hier eine aus mehreren philosophischen Systemen und Weltreligionen zusammengewürfelte persönliche Seele, die als Aura genannte Ausstrahlung erscheint. Gewöhnlich wird die Zeit vor der Geburt als eine Art von Sternlein putzen bezeichnet und an ein Weiterleben nach dem Tod geglaubt. Immer noch stark verbreitet ist die Vorstellung, in einem früheren oder späteren Leben als Tier zu leben. Im Gesamten wird die individuelle Existenz als Heiligtum betrachtet, das unter allen Umständen und unabhängig jedwelcher Kostenfolge auch für Dritte am Leben erhalten werden muss. Man hat heute für alles mindestens ein gewisses Verständnis, mit einer Ausnahme: der eigene Tod ist nicht denkbar.

Wenn auch die Wiedergeburt als Reinkarnation von Karma keine Seelenwanderung im westlich gemeinten Sinn, sondern das sich ewig drehende Rad des Samsara ist, sind gleichwohl damals in Indien wie auch in Europa Weltreligionen entstanden, die von der Unsterblichkeit, Wiedergeburt oder Auferstehung handeln. Sowohl Seelenwanderung wie auch die Wiedergeburt entsprechen somit einer ursprünglichen Sinneswahrnehmung und sind nicht bloss fernöstliche Mystik, wie man vielleicht gewöhnlich annimmt. Antike Autoren schreiben um 100 v.Chr. über die Kelten in Europa: "Die Lehre der Druiden ist, dass die Seelen und die Welt unvergänglich seien, dereinst aber Feuer und Wasser die Oberhand gewinnen, so dass sich abwechselnd in diesen Elementen alles umschmelze und erneuere. Nach Verlauf bestimmter Jahre lebe die Menschenseele wieder auf und tauche in einen anderen Körper ein." Im völkergeschichtlichen Vergleich sind die westeuropäischen Völker auch später nie über diese ursprünglich proto-indo-europäischen Vorstellungen einer ewig währenden Welt und der unsterblichen Seele hinausgelangt.

Warum das keltische Druidentum nach der römischen Invasion damals nahezu geschlossen zum neu entstehenden Christentum konvertierte, wird mangels Zeugnis nicht mehr geklärt werden können. Sicher ist, dass das nicht besetzte Irland freiwillig die christliche Lehre übernahm und aus den keltischen Druiden katholische Würdenträger wurden, deren Nachfolger massgeblich an der späteren Christianisierung Europas beteiligt waren: Patrick, Gallus und Columban.

In der Tradition handelt es sich dabei aber nicht um das testamentlich gestützte Christentum, sondern um eine Synthese der Grundpositionen aus Druidenlehre und Christentum, also eine Ausrichtung an den gemeinsamen, ursprünglich indo-europäischen Wurzeln, welche wie schon erwähnt im spätbabylonischen Reich über das Judentum ins Christentum gerieten. Im Rückblick gelang dem untergehenden Druidentum dadurch die Einbindung der keltischen und germanischen Völkerschaft in einen gemeinsamen kulturellen Rahmen, der erst durch die von Adolf Hitler im 20. Jh. in die Wege geleitete Götterdämmerung der arischen Herrenrasse, die vom früheren Nationalismus zum heutigen Rassebegriff des Europäers führte, grundsätzlich weiterentwickelt wurde.

Ob Allerheiligen am 1. November oder Walpurgisnacht zur 1. Maifeier, exakt an diesen Tagen haben früher angeblich die beiden wichtigsten keltischen Anlässe stattgefunden. In der Schweiz ist der Zusammenschluss zwischen den keltischen Helvetiern und den germanischen Alemannen dokumentiert als freundnachbarschaftliche Durchmischung der sich weit aussen verwandten Völker. Der Nationalfeiertag der Schweiz am 1. August fällt darum kaum zufällig auf das Datum des früheren keltischen Lugnasad. An dieser Stelle sei ausdrücklich betont, dass die Kelten keine Sonnenwendfeiern begangen haben, wie man früher annahm, als man die Sonnenkultanlagen der Megalith- und Bronzezeit noch den Kelten (Eisenzeit) zuordnete. Die vier wichtigsten Anlässe fanden angeblich jeweils 40 Tage nach einer Sonnenwende oder Tagundnachtgleiche statt. Die genauen astronomischen Kenntnisse dienten den Kelten bereits der Zeitbestimmung im Kalender.

Auf den Inhalt bezogen entstand im nachkeltischen Europa nebst Venedig ein Christentum, welches mit dem biblisch überlieferten Nationalismus der erst spät sesshaft gewordenen Nomadenvölker des Nahen Ostens wenig bis gar nichts gemeinsam hatte. Das keltische Heiligtum bestand im realen Mittelpunkt der Trinität und meint nicht nur einen bestimmten Ort, sondern auch einen bestimmten Zeitpunkt sowie eine bestimmte Person, die sich von der übrigen Gesellschaft unterscheidet. Diese Vorstellung vom Mittelpunkt der Welt, der überall und nirgends sein kann, gehört zu den spezifischen Eigentümlichkeiten des Druidentums. Alle Kelten waren überzeugt, Wiederauferstandene zu sein, von Dispater abzustammen, wie Cäsar schreibt. Durch die Auferstehungsgeschichte wurde Jesus für die Kelten einfach einer der ihren. Auf den Vorgang des Denkens bezogen ist die wichtige Unterscheidung vorzunehmen zwischen einer aus dem religiösen Impuls resultierenden traditionellen Gefühlsgegenwart und einer Geschichte. Die an Pflicht und Wiedergutmachung orientierten Völker indo-europäischen Ursprungs in Europa haben bis auf den heutigen Tag kein Verständnis für die dualistischen Vorstellungen von Sünde und Busse oder Teufel und Hölle aus der antiken arabischen Welt.

Das religiöse Gefühl ist jedem Menschen angeboren und je nach Herkunft verschieden. Der Mensch glaubt gefühlsmässig das Richtige bezogen auf seine Denkfähigkeit, er kann aus den Vorgaben lediglich Passendes übernehmen und deshalb ist die möglichst korrekte Vorgabe in diesem Zusammenhang das Wichtigste überhaupt. So war und ist beispielsweise die Vorstellung des biblischen Paradieses, wie die Nachfolger der mesopothamischen Sumerer das reale Erlebnis der Fata Morgana zu deuten vermochten, in unseren Breitengraden infolge anderer klimatischer Verhältnisse zu keiner Zeit existent oder nachvollziehbar.

Der Grundlagenirrtum des scheinbaren Gegensatzes von Gut und Böse, der später bis zum Begriff der Erbsünde führte, geht auf den gleichen bereits erwähnten gedankenwissenschaftlichen Vorgang zurück, dass selbst dort, wo objektiv nichts ist, subjektiv etwas sein müsste. Moral ist immer die Moral von einer Geschichte. Die keltischen Druiden haben aber, wie übrigens die indischen Brahmanen auch, keine Geschichtsschreibung gepflegt. Darin ist neben dem dreiteiligen Ganzen ein wesentlicher Unterschied der keltischen Welt zur übrigen begründet. Von den Kelten selber ist kein einziger religiöser Text überliefert. Wie Cäsar in De bello gallico, VI, 14 berichtet, war es den Druiden untersagt, ihre Lehre schriftlich niederzulegen, obschon sie in allen übrigen Angelegenheiten, beispielsweise im Handel, die griechische Schrift verwendet haben.

Die Kelten haben sich vermutlich mit dem erst durch die Kraft der Menschen lebendigen Wort und Gesang eine heute kaum mehr vorstellbare gedankliche Flexibilität erhalten können. Über die Druiden berichtet Diodor von Sizilien, V, 31: "Wenn man sich mit ihnen unterhält, reden sie wenig; sie sprechen in Rätseln und zeigen in ihrer Ausdrucksweise eine Vorliebe dafür, das Meiste erraten zu lassen. Übertreibungen benutzen sie häufig, sei es, um sich selbst zu rühmen, sei es, um andere herabzusetzen. Ihre Reden wirken einschüchternd und hochmütig, sie tendieren zu tragischem Pathos. Dennoch sind sie von grosser Klugheit und verstehen es, sich Wissen anzueignen."

Der typisch keltische Satz begann mit einer Bezugnahme, meist einem Verb und enthielt, wenn vorhanden, die Hauptaussage im Nebensatz. "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen" ist der wohl bekannteste charakteristisch keltische Satzbau. Das sind drei Sekunden Bezugnahme und die Hauptaussage amen im Nebensatz. Das Druidentum wird von den antiken Autoren durchwegs mit Bewunderung und Erstaunen geschildert, hatten die keltischen Gemeinwesen doch eine hochkultivierte Gesellschaftsordnung verwirklicht, wie sie auch von Platon als Ideal einer von Philosophen geleiteten Gesellschaft konzipiert worden war.

So wie die Entstehung der verschiedenen Sprachen gehört auch die Entwicklung der Schriftformen zur ältesten Kulturgeschichte des Menschen. Nach Bilder- und Keilschrift entstand um 1200 v.Chr. in Phönizien die Lautschrift, mit der die beschreibenden Begriffe der Menschen so festgehalten werden konnten, wie sie gesprochen werden. Völker, die keine eigene phonetische Schrift entwickelt haben, benutzen in der Folge Hochsprachen zum Schreiben neben ihrer Redensart. Von den Kelten wissen wir, dass ein Restdruidentum im 4. Jh. in Irland die Ogam-Schrift verwendet hat, um magische Formeln in Holz oder Stein zu konservieren. Da eine solche Ausdrucksweise auf Betonung und Rythmus aufbaut, handelt es sich bei der Ogamschrift vermutlich um eine Kombination von Laut- und Notenschrift. Vielleicht wollten die Druiden keine Trennung von Klang und Buchstabe vornehmen, ein Zusammenhang, der im 20. Jh. im erdumspannenden Lebensgefühl durch die englische Rock-, Beat- und Popmusik wieder aktuell würde.

Kulturen, welche nach dem Aufkommen der Schrift mit den Buchstaben der Gesetze die Moral ihrer zufälligen Geschichte zur Grundlage eines dadurch willkürlichen Denkens machten, basieren und verharren ausnahmslos auf einem zur Religion erstarrten Gedenken an irgend etwas, das es zeitbedingt mit grosser Wahrscheinlichkeit schon längst gar nicht mehr gibt. Es ist darum auch kein Rätsel, warum auch der geschulte und ausgebildete Mensch überhaupt noch glaubensfähig sein könnte, nachdem er während vieler Jahre das Denken gelernt hat. Das geht nämlich gar nicht. Es sei denn, die Denkfähigkeit und das lernbare Denken wären auf verschiedenen Ebenen einzuordnen.

Und so ist es vermutlich auch. Vereinfacht beschrieben kann man drei verschiedene Denkformen unterscheiden: Die vegetative, die gläubige und die gedachte Existenz. Diese drei Denkweisen entsprechen ziemlich genau den Entwicklungsstufen der Menschwerdung und sind alle in der Gesellschaft vertreten.

Bezogen auf das im Zwischenhirn vererbte Abbild der Welt hat ein Mensch wenig Einfluss auf seine individuelle Befindlichkeit, eine Tatsache, an der schon viele Menschen zerbrechen mussten, weil sie das nicht wussten oder nicht glauben wollten. Die vegetativ-magische Stufe ist mittlerweile infolge hoher Ansprüche der Kultur meist identisch oder nahe einer Behinderung. Wer sich von seiner Veranlagung her auf einer magisch-gläubigen, gläubigen oder gläubig-denkenden Stufe befindet, merkt das selber nicht, weil sowohl das Faszinosum des Unvorstellbaren als auch die Vorstellung von übernatürlichen Vorgängen einen Abschluss, oder besser gesagt, einen Absturz des Gedankenganges bewirken, der keine weiteren Fragen zulässt.

Selbstverständlich sind jedoch sowohl Agnostiker und Gläubige wie auch Fromme und Atheisten alle davon überzeugt, bereits einer denkenden Stufe anzugehören, was aber einem fatalen Denkfehler gleichkommt, weil eine einmalig getroffene Wahl aus dem riesigen Archiv des vorhandenen Gedankengutes noch kein Denken ist, sondern erst dessen Vorstufe als Glauben an etwas Seiendes, das es entweder gibt oder nicht; die Möglichkeit, dass es sich um etwas Werdendes handelt und die weitere Entdeckung der Realität entfällt.

Eine der heute beliebtesten Ausreden zur Umgehung von Gedankengängen besteht in der eigentlichen Negation der Transzendenz in dem Sinne, dass sich der Mensch selber seine Existenz nicht zu erklären vermöge. Fragt sich bloss, was denn so erklärt werden soll.

Wenn die Hauptaufgabe der Sinnesorgane darin besteht, alle Reize zu unterdrücken, die als Realität ständig vorhanden sind, dann ist der die Wahrnehmung verlassende Bereich in der absolut weltlichen Normalität zu vermuten.

Denken ist vor allem darum ausgesprochen unangenehm, zeitraubend und anstrengend, weil auf dieser Stufe auch das nicht sichtbare zu sehen ist.

Da erst durch die Forschungsarbeiten der letzten hundert Jahre bekannt ist, dass es das Ideal von einem Menschen nicht gibt, der früher als Ebenbild des Göttlichen im Zentrum auch der Wissenschaften stand, besteht die denkerische Hauptbelastung heute darin, all den noch allgemein gültigen Ballast herauszufiltern, der nachgewiesenermassen auf Grundlagenirrtum basiert. Schon dieser Vorgang ist aber im Einzelfall fast nicht mehr möglich, weil jeder erkannte Irrtum die Zusammenhänge noch komplizierter macht, als sie schon sind. Der Glaube mache selig, werden alle bestätigen, die je beim Denken an ihre Grenzen gestossen sind.

Die existenzielle Schnittstelle zwischen Leben und gedanklicher Individualität ist also der Gedanke selbst.

 

© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich
Weltbild   ««   Inhalt-Verzeichnis   »»   Dimensionen